Ali Smith

Die Zufällige

[Luchterhand, 320 S., EUR 19,95]

21.08.2006, 06:00, Text: Dörte Miosga

“Die ärgsten Feinde unbestritten, sind die in eigenen Hauses Mitten”, besagt ein jüdisches Sprichwort. Der Ort der Handlung ist in diesem Roman mal wieder Krisengebiet und Schlachtfeld Familie. Literaturprofessor Michael, die erfolgreiche Autorin Eve, der 17-jährige Magnus und die 12-jährige Astrid verbringen ihren Sommerurlaub in einem Ferienhaus in Norfolk. Astrid rennt den ganzen Tag mit einer Kamera durch die Gegend und filmt alles und jeden. Für ihr Alter ist sie recht sonderbar. Sie experimentiert, wie lange man in die Sonne sehen kann, bis man blind wird, und zweifelhafte Weisheiten begleiten sie durch ihre Urlaubstage: “Manche sind von Natur aus nicht so geeignet zu leben wie die anderen und verdienen deshalb auch weniger Geld und führen ein anderes, weniger gutes Leben.” Auch Sohn Magnus wird seines Lebens nicht mehr froh: Eine Mitschülerin hat sich umgebracht, nachdem die Klassenkameraden eine Fotocollage mit ihrem Kopf auf dem Körper einer Pornodarstellerin rumgemailt haben. “Haben ihren Kopf genommen. Haben ihn auf einen anderen Körper aufgesetzt. Haben das an Leute verschickt. Dann hat sie sich umgebracht” kreist unaufhörlich in seinem Kopf. Autorin Eve kämpft während des Urlaubs erfolglos gegen ihre Schreibblockade an, und auch Ehemann Michael ist nicht weniger neurotisch als der Rest der Familie: Er sammelt Postkarten von den Studentinnen, die er im Laufe seines Dozenten-Daseins gevögelt hat. Nebenbei betreut er die Dissertationen seiner Schutzbefohlenen mit Themen wie “Die amerikanische präsidiale Erektion: Metaphern der Macht in den Romanen von Philip Roth”. Eine ganz normale Familie also. Doch plötzlich taucht eine Frau auf, die in der Nähe des Ferienhauses mit ihrem Auto liegen geblieben ist. Amber, die Zufällige, bleibt und bringt diese erfolgreich aneinander vorbeilebende Familie völlig durcheinander. “War es möglich, dass manchmal nur ein Außenstehender aufzuzeigen vermochte, dass eine Familie eine Familie war?”


Schon der Aufbau dieses Buches ist bemerkenswert: So hat es drei Kapitel, die da heißen “Der Anfang”, “Mitte” und “Das Ende”. Die Kapitel selbst sind zunächst schwer zugänglich, beginnen meist mitten im Satz und mit nicht nachvollziehbaren Gedankengängen. Mit den Seiten nimmt dann auch die Spannung zu, und ein bissiger Sarkasmus entfaltet sich. “Die Zufällige” wurde mit dem Whitbread Award 2005 als bester Roman ausgezeichnet. In England ist bereits Ali Smiths neuester Roman erschienen, “Hotel World”. Auch darin entwickelt sie wieder fünf Charaktere an einem Ort: fünf Frauen, die sich in einem Hotel kennen lernen. Ihre Szenarien gleichen Theaterstücken: Vor immer derselben Kulisse breiten sich menschliche Abgründe aus, die aus feinsinniger Beobachtung gesellschaftlicher und psychologischer Strukturen resultieren. “L’enfer, c’est les autres”, mag man da resümieren und sich daran erfreuen, dass man den Urlaub ohne Familie verbracht hat.



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aus Intro #142 (September 2006)
 
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