
Dietmar Dath
Dirac
21.08.2006, 06:00, Text:
arno raffeiner
David Dalek lässt seine Romanfigur Oppenheimer, Physiker und Literaturliebhaber, dem Kollegen Dirac erklären, warum Dietmar Dath ein neuer Dante ist: “Egal, wovon seine Werke sich sonst noch anregen ließen, wie viele und wie verwickelte mythologische, theologische Eindrücke, Empfindungen, Gedanken und Spekulationen sonst Eingang fanden, er hatte immer dieses Bild vor Augen, wie ihn die Geliebte, die ihm den Weg zeigt in sein Paradies, in seine reine Anschauung von ...” An dieser Stelle wird Oppenheimer zwar auf entwaffnende Art und Weise von der Nüchternheit Diracs unterbrochen, doch die Parallelwelten und postmodernen Verschränkungen in diesem Roman wuchern munter weiter.
Von Liebesbesessenheit war in Dietmar Daths letztem Buch “Die salzweißen Augen” reichlich die Rede. Als literarisches Gestaltungsprinzip hat sie fürs Erste, zumindest vordergründig, ausgedient, doch das Personeninventar bleibt erhalten. (Wie autobiografisch das postmodern-autobiografische Myzelgeflecht, das die Handlung durchzieht, dabei wirklich ist – Dath legt es ja geradezu darauf an, dass danach gefragt wird –, ist natürlich so was von egal.) In “Dirac” werden die Ränke um eine Gruppe von Mittdreißigern rund um den Journalisten und Schriftsteller David Dalek weitergestrickt – es geht um ein sich Verzetteln, ein Steckenbleiben im Sumpf des ganz gewöhnlich-schmierigen Lebens unter den mehr oder weniger prekarisierten Bedingungen des Kapitalismus – und über die Mittlerfigur Paul Dirac mit den großen Rätseln und Raum und Zeit und also unserem Dasein überhaupt in Beziehung gesetzt.
Man muss diese eigentümliche Mischung des Allumfassenden und die Sprunghaftigkeit, mit der der Autor seinen Roman vorantreibt, nicht mögen. Der Text wechselt in einem kaum nachvollziehbaren Rhythmus zwischen Personen und Zeitebenen, das Lesen soll sich bloß nicht eingrooven oder gar bequem werden. Und doch hat Dath genau damit – in “Die salzweißen Augen” nochmals deutlicher und eindringlicher als in “Dirac” – einen Tonfall, ein Verfahren gefunden, wie die faktische Fiktion, an der beispielsweise von einer anderen Seite her auch Thomas Meinecke arbeitet, funktionieren kann. Es ist eine Erzählweise, die auf Distanz hält und dadurch auch das Antriggern von Momenten, Ahnungen, Genres ermöglicht: Plötzlich findet man sich in Unheimliches geworfen, Fantasy wird mit physikalischen Fakten kurzgeschlossen, Todesdrohungen, Schulalltag, Wahnsinn, Antimaterie und Außerirdische morphen ineinander. Ganz kleine Fingerzeige genügen dem Autor, um eine Ebene der Bedrohung in den Text einzuziehen, die unsere positivistische Sicherheit in dieser Welt absolut in Frage stellt.
“Die Sonne scheint; die Menschen draußen haben keine Ahnung, wie unverständlich der Kosmos ist.” Dietmar Dath schreibt für jene, die in sich den Drang verspüren, nur eine klitzekleine Ahnung von dieser Unverständlichkeit zu bekommen.
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