
Zadie Smith
Von der Schönheit
21.08.2006, 06:00, Text:
Sonja Eismann
Zadie Smith hat keine Zeit für ein Interview. Nur drei, so die Pressefrau, habe sie ganz Deutschland anlässlich der Veröffentlichung ihres neuen Buches “Von der Schönheit” zugestanden. Schade, aber böse kann man der Cambridge-gebildeten Schreibsensation aus Nordlondon nicht sein. Ging doch der Medien-Rummel schon vor sechs Jahren bei ihrem ersten Buch “White Teeth” (“Zähne zeigen”) so dermaßen los, dass sich nicht nur die damals erst 24-jährige Autorin selbst wünschte, sie sei ein bisschen weniger prominent. In Interviews geißelte sie selbst anklagend ihren Stil als den einer “Drehbuchschreiberin für die Simpsons, die kurz einer religiösen Sekte beigetreten war und dann Foucault entdeckt hat”. Nach dem von originellen Ideen etwas überfrachteten und nicht ganz überzeugenden Zweitling “The Autograph Man” läuft die Tochter einer Jamaikanerin und eines Engländers mit “On Beauty” nun zu überschäumend guter Form auf.
“Von der Schönheit”, eine Mixtur aus Campusroman und postmoderner Sittenkomödie, ist womöglich ihr bester Roman bis jetzt. Dass Smith dabei E.M. Forsters 1910 veröffentlichtes Werk “Howards End” als Folie verwendet, ist nicht ihrer Ideenlosigkeit geschuldet, wie manche Kritiker schon unwillig murrten, sondern schlicht eine intertextuelle, spielerische Bezugnahme, die dem von ihr verehrten Autoren Reverenz erweisen soll, wie sie selbst im Vorwort schreibt. Vordergründig ähneln sich allein die Eckpunkte der beiden Romane – aus einem verwechselten Schirm wird ein vertauschter Discman, aus einem verantwortungslosen Sohn eine atemberaubend schöne Tochter, aus einem Haus ein wertvolles Gemälde –, doch die verhandelten Unterschiede innerhalb der neuen elastischen Mittelklasse, die nicht nur durch schlichte Ökonomie, sondern auch den kulturellen Habitus getrennt wird, werden von Smith anhand zweier akademischer Familien mit ganz aktuellem Brennstoff gefüllt.
Als Radcliffe-Stipendiatin an der exklusiven Harvard University nahm Smith offensichtlich einiges an Strukturwissen und schrulligen bis alarmierenden Details mit, was in das fiktionale College-Städtchen Wellington am Rande von Boston eingeflossen ist. Hier lebt der Kunsthistoriker Howard Belsey, ein 57-jähriger Engländer, mit seiner immens dicken afroamerikanischen Frau Kiki und seinen drei Kindern Jerome, Zora (benannt nach Zora Neale Hurston) und Levi (benannt nach Primo Levi). Der politisch progressiv denkende, aber seltsam emotionslose Howard hat nicht nur nach einem Seitensprung nach 30 glücklichen Ehejahren mit dem Zorn seiner Ehefrau, der heimlichen Sympathieträgerin des Buches, zu kämpfen, sondern zu seinem großen Unglück kündigt sich zudem noch sein Erzrivale Monty Kipps als Gastprofessor auf “seinem” Campus an. Kipps, distinguierter Engländer westindischer Abstammung und auf dem gleichen Gebiet mit populären Thesen ungleich erfolgreicher als der rebellische Howard, der seit Jahren an seinem Opus magnum “Against Rembrandt: Interrogating A Master” herumkrebst, ist trotz seiner Hautfarbe eiserner Gegner von Minderheiten-freundlichen Bildungsmaßnahmen wie “Affirmative Action”. Während sich die Familien auf ideologischem Terrain bekriegen, sind sie vor grotesken amourösen Verstrickungen nicht gefeit.
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