William Nicholson / Die Gesellschaft der Anderen

Potenzieller Selbstmörder und Nihilist

17.07.2006, 08:00, Text: Sascha Seiler, Sascha Seiler

Selten kommt es vor, dass Hollywood-Drehbuchschreiber bei der Suche nach einem anderen Betätigungsfeld tatsächlich neue ästhetische Akzente setzen können, zumal, wenn sie eher der gediegenen Mainstreammaschinerie angehören. Der 1948 geborene Engländer William Nicholson gehört wohl eher zur Spezies der Auftragsschreiber, zeichnet er doch verantwortlich für die Scripts zu „Gladiator“, „Der erste Ritter“ oder „Crime Of The Century“. Dazu hat er sich als Kinderbuchautor versucht – auch nicht unbedingt eine Qualifikation für die höheren Weihen der E-Kunst. Und doch gelingt ihm mit „Die Gesellschaft der Anderen“ ein subtiles und gleichzeitig spannendes Werk, das sich gleichermaßen von Kafka und Salinger beeinflusst zeigt. Unmöglich?

Erst einmal sollte man all jene Vorurteile beiseite legen, die einen befallen, wenn man auf dem Buchrücken den Werdegang William Nicholsons liest, der mit „Die Gesellschaft der Anderen“ seinen ersten Roman vorlegt. Der Roman beginnt als dunkles britisches Familiendrama, wie man es beispielsweise von Patrick McCabe und dessen Romanen „The Butcher Boy“ oder „Spider“ kennt. Der im Verlauf des Romans stets namenlos bleibende Held berichtet von seinem tristen Alltag in einer britischen Stadt als Sohn einer gut situierten Familie: Der Vater ist ein Drehbuchautor, der Frau und Kinder für eine jüngere Freundin verlassen hat. Doch der Liberalismus der Familie geht so weit, dass auf Familienfesten sich alle in den Armen liegen. Das ödet den Protagonisten – hier beginnen die Holden-Caulfield-Parallelen – zunehmend an, es lähmt ihn in seiner geistigen Entwicklung und erzeugt eine Unlust, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Gerne würde er die Fesseln, mit denen er an seine Familie gekettet ist, lösen, doch hier zeigt sich auch ein wenig von Camus’ „Fremden“ im Wesen des Protagonisten: Die Lethargie besiegt den Willen zur Veränderung und Weltentdeckung.


Und doch hellt sich bereits im zweiten Kapitel die Geschichte vorläufig auf. Mehr noch als zuvor sieht sie sich nun auf den nicht immer unkomischen Spuren Holden Caulfields als auf denen eines potenziellen Selbstmörders und Nihilisten – wobei man allerdings beachten sollte, dass beides auch wieder nicht so weit voneinander entfernt liegt. Der spätpubertierende Protagonist flüchtet aus seinem langweiligen Upper-Class-Zuhause, trampt in einem Truck aufs europäische Festland und von da aus immer weiter gen Osten. Jedoch verliert er im Laufe der Fahrt jegliches Bewusstsein für Zeit und Raum, landet schließlich hinter der Grenze eines niemals benannten totalitären Staates, der Lastwagenfahrer entpuppt sich als Schmuggler von verbotenen Büchern, der von der Geheimpolizei hingerichtet wird, der Protagonist kann gerade noch fliehen, gerät aber bald in die Fänge von Terroristen, die ihn für einen anderen halten ...

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aus Intro #141 (August 2006)
 
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