
Daniel Odija
Das Sägewerk
17.07.2006, 08:00, Text:
Martin Büsser,
Martin Büsser
Der Protagonist des Romans heißt Józef, seine Frau Maria. Ein Zeichen dafür, dass wir uns im erzkatholischen Polen befinden. Doch der Glaube hilft den Menschen in Daniel Odijas Roman auch nicht mehr weiter. Die Gegend, in der sie leben, ist von Gott und allen guten Geistern verlassen. “Das Sägewerk” spielt irgendwo in der nordpolnischen Provinz, in einem Dorf, das nach der Wende nichts vom Reichtum ab- und genauso wenig vom Anschluss an Europa mitbekommen hat. Trocken, schmerzvoll, aber nicht ohne Anteilnahme beschreibt Odija, einer der radikalsten Autoren unter den jungen polnischen Schriftstellern, den sozialen Abstieg seines Landes in den 1990er Jahren.
Józef Mysliwiski ist widerwärtig. “Weil sie ihm jedoch einen Sohn geschenkt hatte, behielt er sie”, heißt es lakonisch über die Beziehung zu seiner Frau. “Außerdem brauchte er jemanden für die Arbeit.” Alles im Denken von Józef Mysliwski dreht sich um Gewinnmaximierung und Macht. Odija ist sicher kein Alt-Kommunist, dennoch macht “Das Sägewerk” ernüchternd klar, dass Polen nach dem Fall des kommunistischen Regimes in seine tiefste Krise gestürzt ist und die Machtverhältnisse denen im vorrevolutionären Rußland ähneln. Reduziert auf den bloßen Kampf ums Überleben und ein paar Minuten Vergnügen am Tag, lassen sich Mysliwskis Angestellte mit Pornos gefügig halten. “Es gab eine Zeit, da hatte Mysliwski das einzige Videogerät in der Gegend”, beginnt ein bizarres Kapitel, das mit dem denkwürdigen Satz endet: Als seine Burschen zurückkamen, “waren sie etwas ruhiger, und Mysliwski klopfte jedem auf den Rücken, weil er sich bei dem Gedanken freute, dass Wodka und Pornos ihm die ganze Ernte einbrachten.”
Odijas Prosa ist von Richard Kämmerlings in der F.A.Z. mit Thomas Bernhard verglichen worden. Das mag für den unversöhnlichen Blick gelten, mit dem Odija seine Figuren seziert, zum Glück aber ist Odija kein Adept, der den Sprachstil von Bernhard, die ständig um sich selbst mäandernden Sätze, übernommen hat. Sein Stil ist vielmehr von einer Präzision, die an klassische Erzähler des 19. Jahrhunderts anknüpft. Wunderschöne Beschreibungen der Landschaft setzt er als Tupfer ein, die etwas Milde in die ansonsten gnadenlose Abrechnung mit einer Gesellschaft bringen, in der Armut den Menschen gar keine andere Wahl lässt als niederträchtig zu sein.
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