Schneehase
[Luchterhand, 288 S., EUR 8,50]
17.07.2006, 08:00, Text:
Dörte Miosga,
Dörte Miosga
Die Familie ist bekanntlich ein komischer Ort und ein merkwürdiges Konstrukt. Eltern können eigentlich nicht anders als alles falsch zu machen. Kinder hingegen geraten fast nie nach den Vorstellungen der Eltern. Allzu häufig spielen sich in der heimeligen Sippschaft Dramen ab, und wir sind für den Rest unseres Lebens verstört. Aus diesem Krisengebiet berichtet Anja Frisch in ihren Erzählungen “Schneehase”. “Ihr beiden seid meine Frauen, meine einzigen Frauen, das wisst ihr doch”, sagt Vater Karlo zu seiner Frau Brigitte und seiner 13-jährigen Tochter im Urlaub an der Adria. Doch Mutter und Tochter haben den Vater längst durchschaut und schon die nächste Geliebte auf der Hotelterrasse entdeckt: Bibiane sitzt dort mit nassen Haaren und Sand zwischen den Zehen, ihr Körper versperrt der Familie die Sicht auf das Meer.
Am Vorabend trug Bibiane ein trägerloses Kleid, während die Tochter die Haare zu einer schweren Kordel gedreht im Nacken trägt. Es sind diese Beschreibungen, die
Anja Frischs Geschichten so ausdrucksstark machen. Atmosphärisch legen sie sich unter das Geschehen. So auch in der Geschichte “Rosa, sagen die Leute”, in der eigentlich ein Moorsee die Hauptrolle spielt: “Im Moor verschwindet das Verkommene”, sagen die Leute im Dorf, “das Moor, es holt sich, was es will”. Man kann sich vorstellen, dass in dieser Geschichte nicht nur seltsame Vorkommnisse im Moor versinken. Unheimlich ist auch die Erzählung “Der Hahn ist tot”, in der ein Vater seine Töchter wiederholt das gleichnamige Lied singen lässt, bevor eine der Töchter spurlos verschwindet. Wieder sind es die Zöpfe der Mädchen, die fröhlich im Takt wippen oder traurig herunterhängen und die Handlung stimmungsvoll unterstreichen. Atmosphärisch dicht sind die 20 bis 30 Seiten langen Geschichten, zumeist in einer nüchternen Sprache und einem assoziativen Stil gehalten, mit einem Hauch Sarkasmus versehen. Ein bemerkenswertes Buch, so viel steht fest. Nur schade, dass die Charaktere häufig im Klischee stecken bleiben, die Personen wenig überraschend oder ungewöhnlich dargestellt werden. Männer suchen das Abenteuer, Frauen das große Gefühl. Gähn. Schablonenartig werden Osteuropäerinnen als Geliebte bemüht, alte Leute sind träge und abergläubig, was sonst. Ist die Realität wirklich so einfach zu rastern? Aber wir wollen der Autorin kein Unrecht tun: Stilistisch sind ihre Erzählungen großartig, die Sätze mehrdeutig und stimmungsvoll. Es ist die erste Buchveröffentlichung der in Berlin lebenden freien Autorin, die durch ihre Teilnahme am Klagenfurter Literaturkurs und ihren Veröffentlichungen in diversen Zeitschriften keine Unbekannte ist. Mit Sicherheit eine talentierte Schreiberin, die man sich merken sollte. Einen Vorgeschmack bekommt man übrigens auf der Website www.freitag.de der Ost-West-Wochenzeitung Freitag: Hier ist ihre Kurzgeschichte “Tier nebenan” nachzulesen, bei der es gar nicht um Familienstrukturen geht.
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