Bachmannpreisträgerin Kathrin Passig

Humorloser geht’s nicht

17.07.2006, 08:00, Text: Martin Riemann

Es ist seltsam, dass ausgerechnet in einer Zeit, in der viele traditionelle Berufsbilder schon längst im Zustand völliger Auflösung begriffen sind, ausgerechnet das Image des Literaten noch immer in den eisernen Manschetten des vergeistigten Zweiflers steckt. So scheinen Schriftsteller jedenfalls gerne in Klagenfurt, der Heimat des renommierten Ingeborg-Bachmann-Preises, filmisch präsentiert zu werden. Im Videoportrait der diesjährigen Preisträgerin, Kathrin Passig, ist alles drin: in Nahaufnahme gehen Füße nachdenklich ihren Weg, riesige Bücher von Goethe und Thomas Mann laden zum hölzernen Anlehnen ein, die Autorin schaut ernst und zeigt mit ausgestrecktem Zeigefinger irgendwohin. Irritierend wirkt nur der ruppige Regisseur, der die Aussagen Passigs ständig genervt verbessert, um sie künstlerisch wertvoller klingen zu lassen. Das an die Vorführung dieses Beitrags anschließende Gelächter in Klagenfurt verrät, dass man sich hier kalt erwischt fühlte bei der Duldung eines Klischees, das wirklich keiner mehr wollte.


Kalt erwischt hat es auch die Hauptfigur in Passigs Beitrag, die sich in einem tschechischen Schneegebiet verlaufen hat und deren Überlebenschancen, trotz ihres umfangreichen Wissens über alles, was diese “missliche Lage” für sie bereithält, nicht die besten sind. Keine Frage, “Sie befinden sich hier” ist eine sehr ernste und traurige Geschichte. Jemand, möglicherweise ein Soziopath, verläuft sich in einer Welt, in der man sich eigentlich nicht mehr verlaufen dürfte, weil ja bereits alles hinlänglich erforscht wurde. Dumm nur, dass man immer noch in ihr erfrieren kann.

“Ich wollte keinen lustigen Text schreiben”, erklärt Kathrin Passig, deren umwerfend komische Beiträge zu den Glanzpunkten des Weblogs Riesenmaschine gehören. Mit einem lustigen Text hatte sich nämlich schon der von ihr geschätzte Kollege Thomas Kapielski vor der Klagenfurter Jury preistechnisch auf die Fresse gelegt. Da der Beitrag aber einzig und allein dem Erlangen des begehrten Literaturpreises bzw. der damit verbundenen Prämie dienen sollte und Passig bei ihrer Berliner Textagentur Z.I.A. nicht umsonst als Expertin für die Bereiche Taktik und Theorie gilt, wurde die tragische Überlebensstory so humorarm wie möglich verfasst. Ganz ging die Rechnung dann doch nicht auf. Der Text bekam zwar das gewünschte Preisgeld, wurde aber sofort unter dem Motto “Das Humordefizit in Klagenfurt ist behoben” gefeiert. Glückwunsch.



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aus Intro #141 (August 2006)
 
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