Michael Cunningham

Helle Tage

[Luchterhand, 380 S., EUR 21,95]

19.06.2006, 08:00, Text: Kerstin Fritzsche, Kerstin Fritzsche

1999 hat Michael Cunningham für seinen Roman “The Hours” den Pulitzer-Preis gewonnen. Die Geschichte, die drei Frauenleben durch Virginia Woolfs “Mrs. Dalloway” verknüpft, wurde kurz darauf verfilmt und brachte Nicole Kidman einen Oscar. Jetzt legt Cunningham einen würdigen Nachfolger vor. “Helle Tage” beschreibt wie das Debüt in drei Episoden Einzelschicksale aus drei Epochen, die miteinander verbunden sind, und zwar durch Literatur. Diesmal ist das Walt Whitmans Gedichtsammlung “Leaves Of Grass”, mit der der Amerikaner zeitlebens genauso haderte wie Woolf mit ihrem Meisterwerk. Diese liest der 12-jährige Lucas im New York des Jahres 1865 abends, um von seiner Arbeit an der Stanzmaschine, an der zuvor sein Bruder verunglückt ist, abzuschalten.

Doch nach und nach beeinflusst die Poesie sein Leben immer mehr, bis hin zu dem Punkt, an dem die Überschneidung von Realität und Poesie lebensgefährlich wird. In der zweiten Geschichte sprengen sich ein paar Kids im heutigen New York in die Luft. Zuvor haben sie mit der Polizeipsychologin Cat geredet, die aus den Anrufen einzelne Zitate Whitmans identifiziert und die letztendlich der Schlüssel zum Geschehen sind. In der dritten, die in der Zukunft spielt, muss ein Maschinenmensch, der mit Whitman-Zitaten programmiert wurde, um seine Aggressivität zu kontrollieren, aus New York fliehen. Alle drei Protagonisten sind auf der Suche nach Freiheit und Selbstbestimmung, ohne es selbst zu wissen, weil sie sich stets an gesellschaftlichen Problemen wie Rassismus, Ausbeutung, versagenden Sozialsystemen, mangelnder Bildung aufreiben. Die Literatur eröffnet ihnen letztlich einen Weg, sich zu verändern. Auch wenn “Helle Tage” “The Hours” also in vielerlei ähnelt: Der Gedanke, dass Literatur ein Handlungsmotor sein kann, ist ein schöner – und hier wunderschön dargelegt.



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aus Intro #140 (Juli 2006)
 
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