Ljudmila Ulitzkaja

Mehr als ein Joghurt

24.04.2006, 08:00, Text: Sonja Eismann

Wie auch in den anderen kulturellen Bereichen wird in der russischen Literaturszene beklagt, dass nur noch leicht verdauliche Ware für den Mainstreammarkt gefragt sei. Die Literaturagentin und Jelinek-Übersetzerin Tatjana Nabatnikova nennt das Phänomen der beliebten Unterhaltungsliteratur “leichte Drogen zum Einschlafen”. Eine der raren Gratwanderungen zwischen Intellekt und Breitenwirkung bewerkstelligt die Ex-Biologin Ljudmila Ulitzkaja, die vor Jahrzehnten wegen der Verbreitung von Samisdat-Literatur aus dem Staatsdienst entlassen wurde und seit dem Beginn der 90er-Jahre als ständig in den Bestsellerlisten vertretene Prosaautorin reüssiert.

In ihren Romanen und Erzählungen konzentriert sie sich meist auf den Alltag von Frauen mit unterschiedlichsten Backgrounds und lotet dabei vor der Folie der Sowjet-Historie klassische Themen wie Familien- und Liebesbeziehungen, Karriere und Privatleben, Schuld und Vertrauen aus. In ihrem letzten Roman “Ergebenst, Euer Schurik” steht zum ersten Mal ein Mann im Mittelpunkt des Geschehens, der sich recht schnell jedoch als Projektionsfläche für die vielen Frauenfiguren herausstellt, die sein Leben beherrschen und denen er, ohne erkennbaren eigenen Willen, stets so freundschaftlich wie sexuell zu Diensten ist. Neben Schurik gibt es aber noch eine weitere große Protagonistin im Roman – die Stadt Moskau, in der Ulitzkaja seit ihrem zweiten Lebensjahr lebt und die so liebevoll wie detailreich beschrieben wird.

Wie positionieren Sie sich in der Moskauer Literaturszene?
Moskau ist eine Welt(haupt)stadt. Eine der Weltstädte wie London, New York, Berlin. Wir haben hier eine sehr ausgeprägte Musik-, Theater- und Literaturszene. Bis zu einem gewissen Grad bin ich eine ihrer Vertreterinnen. Immer wieder werden Theaterstücke von mir aufgeführt oder Fernsehserien nach meinen Motiven ausgestrahlt. Einerseits zähle ich also zum Kulturleben dieser Stadt dazu, andererseits kenne ich mich schlecht und wenig im Schaffen meiner Kollegen aus. Das kulturelle Leben ist hier derart intensiv, dass es ein eigenständiger Beruf geworden ist, up to date zu sein – und das ist neben der eigenen kreativen Arbeit nicht möglich.

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aus Intro #138 (Mai 2006)
 
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