Artem Troitsky

Ein Mann der klaren Worte

24.04.2006, 08:00, Text: linus volkmann, Felix Scharlau, Thomas Venker, Thomas Venker

Von außen wirkt das Gebäude, in dem Artem Troitsky wohnt, erst mal erschreckend trist. Sozialer Wohnungsbau Marke Ost eben. Und im Treppenhaus sieht es eher noch grauer und runtergekommener aus. Hier wurde definitiv schon länger nicht mehr renoviert. Umso überraschender das Bild, das sich hinter der Tür von Troitskys Appartement bietet: Eine sehr gemütlich eingerichtete Bude belebt der 51-Jährige mit seiner Freundin und diversen Haustieren. Die Wände sind mit Artefakten seines Lebens mit Pop geschmückt. In Russland ist der populäre Autor (er arbeitet als Radio-, Fernseh- und Printjournalist) so was wie eine Legende, bei uns ist er kaum bekannt.

Lediglich sein Buch “Back In The USSR – The True Story Of Rock In Russia” ist ins Deutsche übersetzt worden. Zeit, da einiges nachzuholen.

Beginnen wir mal mit deiner Radiosendung, deinem derzeit größten Sprachrohr.
Ich mache seit 1989 Radioshows auf verschiedenen Sendern, aber durch den Kommerzialisierungsprozess, der auch die Radiosender betrifft, konnten sie meinen unabhängigen Geschmack nicht weiter tolerieren – obwohl ich Fernsehsendungen gemacht habe und eine gewisse Autorität besitze. So um 1991 habe ich dann bei Echo Moskau angefangen, dem Sender, auf dem meine aktuelle Sendung “Moskauer Echo” läuft. Echo Moskau ist eher so etwas wie eine intellektuelle Basis, es ist die einzige Station, die meine Musik toleriert. Es ist ein Privatsender und die einzige wirklich oppositionelle Radiostation in Russland, die unabhängig vom Staat und auch staatskritisch ist. Musik steht aber nicht so im Vordergrund, die meiste Musik dort stammt von mir.

Wie finanziert der Sender sich? Durch Werbung?
Ja, er ist sehr beliebt und hat fast gar keine Konkurrenz – die anderen privaten Sender spielen nur Müll. Der Sender kriegt viele gute Kritiken und hat daher viele Werbekunden.

Angefangen hat deine journalistische Karriere aber als Schreiber.
Ja. Ich habe 1974 angefangen – ich bin ja im Juni letzten Jahres schon 51 geworden. Am Anfang habe ich über Bands wie Led Zeppelin und Pink Floyd für die eine kleine sowjetische Zeitung geschrieben, da bin ich recht bekannt geworden. Ich wurde Anfang der Achtziger geächtet, als ich in Untergrund-Aktivitäten involviert war – damals organisierte ich Underground-Konzerte und Festivals. Als ich bekannter und etablierter wurde, bin ich vom englischen Verlag Omnibus Press gebeten worden, ein Buch über die lokale Szene zu schreiben: “Back In The USSR – The True Story Of Rock In Russia”. Ein erfolgreiches Buch, das auch in Deutschland, den USA und Japan veröffentlicht wurde. Ich habe danach noch weitere Bücher geschrieben – eins davon auch über Politik, so um 1999/2000. Es wurde aber nur im Ausland veröffentlicht, nicht in Russland. So um 1989 habe ich dann mit Radio und Fernsehen begonnen. Radio hat mir sehr gefallen, und das ist immer noch so. Über zehn Jahre lang habe ich auch Fernsehshows gemacht, dann habe ich das Fernsehen aber aufgegeben, stattdessen bin ich an die Uni gegangen, habe Seminare gegeben.

Und als ob das nicht schon genug wär, betreibst du auch noch ein Label und eine Veranstaltungsagentur.
Genau: Das Label heißt Zakat. Das heißt Sonnenschein. Wir veröffentlichen viele Indie-Sachen aus der ganzen Welt als Lizenz; Releases aus Amerika, Japan, Deutschland, Frankreich und der Schweiz, viele Sachen aus dem Domino-Records-Katalog. Die Agentur heißt Caviar Lounge. Wir bringen ausländische Acts in die Moskauer Clubs. Nur kleine Sachen, nichts Größeres – das habe ich auch schon versucht, in den Achtzigern, da habe ich mit Sting, Elton John, Diana Ross, den Pet Shop Boys und David Bowie gearbeitet, aber das hat mir nicht so gefallen, da standen Sicherheitsaspekte, Finanzierungsfragen und Versicherungsangelegenheiten im Vordergrund, es ging gar nicht so sehr um die Musik. Kaviar Lounge präsentiert nur Bands, die ich mag. Letztes Jahr hatten wir Suicide, Franz Ferdinand und Jane Birkin hier. Wir buchen auch viele deutsche Bands, hatten schon Mouse On Mars, Tarwater, 2raumwohnung und Stereo Total in der Stadt. Dieses Jahr holen wir noch in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut Wir Sind Helden rüber. Übrigens, der beliebteste deutsche Act in Russland ist Rammstein. Sie sind sogar noch bekannter als die Rolling Stones.

Und wie siehst du das Phänomen Rammstein als dem linken Milieu zugehöriger Kulturkritiker?
Stimmt, da gab es ja diese Totalitarismus- und Faschismusvorwürfe – aber das war doch bei Laibach ähnlich. Laibach sind ja eigentlich eine konzeptuelle Band – und trotzdem kamen zu ihren Konzerten diese Neonazis, die “Sieg Heil” gerufen haben. Laibach waren von diesen Vorfällen noch geschockter als das Publikum selbst. Was Rammstein angeht, muss ich sagen, dass ich kein großer Fan bin, sie sprechen mit ihrer Ästhetik eher Halbstarke an, da bin ich zu alt für. Aber als ich mit der Band, vor allem mit dem Sänger gesprochen habe, merkte ich, dass sie sehr ironisch sind in allem, was sie machen. Die Band kann auch nicht für alles verantwortlich gemacht werden, was die Hörer über sie denken. Wenn eine Band zum Beispiel ein harmloses Liebeslied schreibt und jemand denkt, es wäre über Selbstmord, und begeht daraufhin Selbstmord, dann kann man den Künstler doch nicht dafür anklagen.

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aus Intro #138 (Mai 2006)
 
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