Artem Troitsky

Ein Mann der klaren Worte

24.04.2006, 08:00, Text: linus volkmann, Felix Scharlau, Thomas Venker, Thomas Venker

Fortsetzung von Seite 1


Lass uns über russische Musik reden. Wie würdest du die Situation für Musiker in Russland und in Moskau momentan beschreiben, gibt es derzeit gute, interessante Szenen?
Ich ordne das mal in die historische Perspektive ein. In den späten Siebzigern und frühen Achtzigern gab es dieses große Untergrund-Phänomen, den russischen “Underground-Rock”, der natürlich von der Opposition beeinflusst wurde. Es ging darum, sich gegen Unterdrückung zu wehren, sich gegen das sowjetische System aufzulehnen. Die meisten Bands waren nicht offen politisch, aber sehr stark und talentiert. Mit Glasnost wurden viele dieser Bands dann sehr erfolgreich, Bands wie Aquarium, DDT, Alisa und Nautilus-Pompilius. Einige Bands wurden von westlichen Labels entdeckt, aber es hat nicht funktioniert. Meist gab es ein Album, und dann verlief es im Sande. Mit dem globalen Rockding konnte der russische Rock nicht mithalten. In den Neunzigern sah es dann eher traurig aus, die Bands hatten keine Angriffsfläche mehr, verloren ihre Identität. Einige sind gestorben, viele sind auch emigriert. Wahrscheinlich habt ihr schon mal von Kino und Viktor Tsoi gehört. Letztere sind die größte Rockband des Landes, ihr Bandleader Viktor Tsoi starb bei einem Autounfall. Der beste russische Poet, Alexander Bashlachov, beging 1988 Selbstmord. Und Mike Naumenko (Frontmann von Zoopark), eine Art russischer Lou Reed oder Serge Gainsbourg, er sang sehr lustige, sexy Songs, starb 1991 an den Folgen seines intensiven Alkoholkonsums. Und da andere ausgewandert sind, war die Szene Anfang der 90er tot. Ende der 90er gab es dieses New-Wave-Ding, diesmal war alles etwas weniger leidenschaftlich, dafür stylisher und lockerer, es wurde “Rockapops” genannt, die beste Band war Mumiytroll – eine sehr gute Band, man kann sie mit Blur oder Pulp vergleichen. Gute Melodien, ironisch und sehr stylish, es gibt sie immer noch, und sie sind nach wie vor sehr beliebt. Zu der Zeit gab es auch die ersten Frauen in der Rockszene. Vorher war die Musikszene von Männern dominiert, ich weiß nicht warum, aber es war wohl sehr gefährlich, und nur “harte” Kerle haben sich durchgesetzt. Zemphira ist die bekannteste Frau in der russischen Rockszene. Daneben gibt es noch Night Snipers, die für ihre lesbische Attitude bekannt sind.

Dann gibt es noch eine weitere interessante Bewegung, die in Deutschland unter dem Namen “Russendisko” bekannt ist. Eine sehr populäre Mischung aus Punk, Ska, Zigeuner- und Folk-Elementen. Es gab ja diese gleichnamige Trikont-Compilation. Die meisten guten Bands in diesem Genre kommen gar nicht aus Russland, sondern aus der Ukraine. Es gibt Labels, die sich auf diese Art von Musik spezialisiert haben: Bad Taste, BRP, Vykhod und Sch-2. Wir nennen diese Russendisko-Sache übrigens “Alternative Chanson”. Es gibt auch eine elektronische Musikszene, die ich für sehr interessant, aber nicht besonders groß und originell halte. Neulich habe ich ein tolles elektronisches Album von einem Russen namens Amen Orchestra gehört, das Album heißt “Seventeen Waves”, erschienen auf Art-tek, einem kleinen Moskauer Label. Die Produktion erinnert mich an den Mexikaner Murcof. Er benutzt hauptsächlich akustische Instrumente: Harfen, Violinen, Grand Pianos – alles wird noch mal elektronisch verändert. Überhaupt gibt es viele kleine elektronische Acts. Einige elektronische Acts aus Russland veröffentlichen auch auf westlichen Labels: Solar Acts hat ein Album auf Worm Interface gemacht.

Und wie sieht es mit der lokalen Popmusik aus?
Ich rede nicht gerne über russische Popmusik. Sie ist grauenhaft. Es ist die schlimmste Popmusik auf der ganzen Welt. In gewisser Weise ist der russische Markt in sich geschlossen, existiert für sich selbst, es ist ein bisschen so wie in Italien: ein Land mit einer langen Musiktradition und vielseitiger Kultur, aber auch mit grauenhafter Popmusik. Italienische Popmusik ist übrigens auch sehr populär in Russland – ich glaube, Russland ist das einzige Land, in dem italienische Popmusik so erfolgreich ist, abgesehen von Deutschland, wo italienischer Pop ja unglücklicherweise auch recht populär ist. Der russische Markt funktioniert für sich selbst, hat international keine großen Auswirkungen. Wir hatten zwar eine international erfolgreiche Band, t.A.T.u., aber das war eher die Ausnahme. Ich glaube auch nicht, dass es so etwas noch mal geben wird. Es war eine verrückte Sache, der Skandal um die Band hat da sicher auch eine große Rolle gespielt, das Kokettieren mit ihrem lesbischen Image, die ganzen skandalösen Untertöne. Musikalisch waren sie ja eher mittelmäßig. Trotz der Produktion von Trevor Horn war es meiner Meinung nach ein schlechtes Album. Der Qualität der Musik steht die Quantität gegenüber. Es gibt nicht nur sehr viele Bands, sondern auch Partys und Clubs. Normalerweise kann man jeden Tag in der Stadt zwischen 50 und 60 Konzerten auswählen. Es gibt viel Live-Musik und jede Menge Fernsehsender, die 24 Stunden am Tag Musikvideos senden. Bei so einem großen Land würde man bei so einer großen Szene viele interessante Sachen erwarten, aber leider ist es nicht so. Ich bin da recht objektiv, ich bekomme jeden Tag viele Platten (zugeschickt), und ich bin nicht so begeistert von all dem.

Ist die Musikszene in Russland auf Moskau zentriert?
Putin, der ja aus St. Petersburg stammt, versucht auch etwas für St. Petersburg zu machen, aber das ganze Geld befindet sich in Moskau. Und was noch viel wichtiger ist: Die ganzen Medien sitzen in Moskau. Viele Bands kommen nicht gebürtig aus Moskau, aber wenn eine Band es zu etwas bringen will, muss sie schon nach Moskau umziehen. Mumiytroll sind beispielsweise ursprünglich aus Wladiwostok, das liegt am pazifischen Ozean. Zemphira ist aus Baskeria. Und natürlich kommen auch einige Bands aus St. Petersburg und aus Swerdlowsk (heute Ekaterinburg). In Izhewsk, der Hauptstadt von Udmurtiya im Ural-Gebirge, von wo auch die Kalaschnikow-Maschinengewehre herkommen, gibt es seltsamerweise eine sehr große und interessante Elektronikszene. Aber letztlich sitzen die ganzen Plattenfirmen in Moskau.

Wenn wir gerade über den Binnenmarkt des Landes und die Karrierechancen der Musiker sprechen: Können denn viele von ihrer Kunst leben?
Viele versuchen es, und einigen gelingt es auch, doch die Spanne zwischen den Einkommen ist enorm, die Struktur unterscheidet sich sehr stark vom Westen. Im Westen wird der größte Teil der Einkünfte mit Plattenverkäufen abgedeckt, in Russland sind Raubkopien gängig, und die Plattenfirmen sind sehr schwach, haben dem nichts entgegenzusetzen. Die Plattenverkäufe sind also recht gering, selbst bei den großen Musikern. 100.000 verkaufte Platten sind schon viel. 90 bis 95 Prozent auf dem Markt sind Raubkopien – es gibt zwar Organisationen, die das verfolgen, und die sprechen von 60 Prozent, aber das ist Quatsch. Um die 99 Prozent der Musiker können also nicht von den Verkäufen ihrer Alben leben, sondern sind auf die Einkünfte der Konzerte angewiesen, die meisten Bands treten also ständig auf. Natürlich sind die Gagen nicht so hoch, sagen wir mal, es gibt 100 bis 200 Dollar pro Nacht – deswegen treten sie ein bis zwei Mal in der Woche auf. In den 90ern traten viele Bands deswegen auch in Casinos auf. Aber momentan gibt es etwas Neues. Da Russland mit Geld überflutet wird, die Statistik besagt, dass Moskau 2005 an erster Stelle war, was den Bedarf an Luxusgütern angeht, sogar noch vor Tokio, New York oder London – bei dem ganzen Geld handelt es sich um gestohlenes Geld aus Öl, Gas und sonstigen Geschäften –, sind die Haupteinnahmequellen für Pop- und Rock-Musiker Auftritte auf Privatpartys. Sie spielen alle auf privaten Partys, Firmenevents, Hochzeiten von jungen Paaren mit reichen Eltern usw. Aber das machen nicht nur die russischen Musiker so: Eminem zum Beispiel spielte im Februar 2004 auf einer Party vor 14 Leuten. Ich weiß nicht, wie viele Millionen er dafür erhalten hat. Stars wie Kylie Minogue und Robbie Williams treten hier dauernd auf Partys auf. Es ist schon eine dekadente Sache.

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aus Intro #138 (Mai 2006)
 
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