Javier Marías

Dein Gesicht Morgen. 2 Tanz Und Traum

[Klett-Cotta, 427 S., EUR 23,50]

24.04.2006, 08:00, Text: Sascha Seiler, Sascha Seiler

Nach seinen äußerst erfolgreichen Büchern “Mein Herz So Weiß” und “Morgen In Der Schlacht Denk An Mich” entschied sich der Sohn des spanischen Philosophen Julian Marías zum Abschied vom Mainstream-Belletristik-Betrieb und konzentrierte sich ein paar Jahre lang auf seine essayistischen Bemühungen. Als vor ein paar Jahren “Dein Gesicht Morgen” erschien, hofften wohl viele auf eine Rückkehr zur zwar virtuos erzählten, jedoch leicht verdaulichen Prosa der beiden erwähnten Romane. Doch Marías nimmt das, was den gemeinen Leser schon dort abschreckte, und macht es zum Mittelpunkt der Narration.

“Dein Gesicht Morgen” umfasste ein Minimum an Handlung – für das Dargebotene hätten ca. fünf Seiten genügt – und ein Maximum an philosophischer Introspektion. Jeder auch noch so geringe Gedanke wird vom Ich-Erzähler aufgefasst, seziert, gedreht und gewendet, bis er wirklich bis in jede nur denkbare dialektische Ecke ausgeleuchtet ist. Nach vierhundert Seiten versprach uns der Autor eine Verschnaufpause; Teil #2 setzt genau dort an, wo Teil #1 aufgehört hat, und macht dann weiter wie zuvor. Der Schock kommt eher am Ende des Buches: Es geht immer noch weiter, der dritte Teil ist schon fertig. Wie weit das noch gehen soll, das weiß wohl nicht mal mehr Marías genau. Vielleicht ist es ein ganz großer Witz, vielleicht Größenwahn, vielleicht der Vorbote eines nahenden Proust-Revivals. Sehr gute Literatur. Anmaßend. Kommerzieller Selbstmord. You name it.



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aus Intro #138 (Mai 2006)
 
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