Venedikt Erofeev

Moskau – Petuški

[Kein & Aber, 268 S., EUR 19,80]

24.04.2006, 08:00, Text: Kerstin Fritzsche, Kerstin Fritzsche

Ende April erscheint die gleichnamige Hörbuchfassung, u. a. gelesen von Frank Goosen und Harry Rowohlt.

Dieses Buch ist voller Bonmots: “Alles auf der Welt muss langsam geschehen, damit der Mensch nicht stolz wird, sondern traurig und verwirrt bleibt.” “Trinkt mehr, esst weniger hinterher. Das ist das beste Mittel gegen Selbstüberschätzung und oberflächlichen Atheismus.” Überhaupt wäre es doch besser, wenn sich ein “allgemeiner Kleinmut” einstellen würde anstatt des Sinns für Heldentaten; dann würden vielleicht auch alle und nicht nur Venièka, der autobiografische Züge tragende Erzähler in Erofeevs Meisterwerk, den Kater am Morgen mit dem Getränk vom Vorabend bekämpfen und das Trinken nicht als Ausgleich oder Flucht vor der Arbeit begreifen, sondern als begleitende Verbesserungsmaßnahme.

So sinniert Venièka auf seiner Fahrt im Vorortzug von Moskau nach Petuški, auf dem Weg zu seiner Geliebten und seinem Sohn, und natürlich ist auch diese Fahrt alkoholgeschwängert und fördert gar fantastische Geschichten zutage. Das alles ist sehr unterhaltsam und skurril, und so ist man geneigt, Erofeevs “Poem” auch nur so zu sehen. So war es auch 1978, als es erstmals auf Deutsch erschien. Doch der sehr belesene Erofeev, der nach einem tragischen Leben mit nur 51 1990 an Kehlkopfkrebs starb, hat kunstvoll in und zwischen die Zeilen nicht eben wenig Zitate, Anspielungen und Verweise gesteckt: Puschkin, Charms, Biblisches, Altgeschichtliches, Luther, Schiller etc. schieben die Absurdität Richtung Realität. Nicht zuletzt ist es eine bissige Kritik an der Sowjetunion Breschnews. Die Vielschichtigkeit des Textes hat Russlandkenner Peter Urban in dieser neuen Übersetzung herausgearbeitet und diese mit einem ausführlichen Kommentar versehen. Auch wenn der dem Fahrplan entlehnte Titel nicht eine landschaftliche Reisebeschreibung offenbart – zum Verständnis von Land und Leuten trägt das Buch ebenfalls bei. Vielleicht sogar zu einem besseren.



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aus Intro #138 (Mai 2006)
 
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