Leonid Zypkin

Ein Sommer In Baden-Baden

[Berlin Verlag, 238 S., EUR 19,90]

24.04.2006, 12:52, Text: Dörte Miosga, Dörte Miosga

Die amerikanische Schriftstellerin und Intellektuelle Susan Sontag hat dieses erstmals 1982 erschienene Buch in den 90er-Jahren in einer Londoner Buchhandlung gefunden und beharrlich darauf bestanden, es mit ihrem Vorwort neu zu publizieren. Mit ihrem Urteil, dass es “eines der schönsten, anregendsten und originellsten literarischen Werke des vergangenen Jahrhunderts” sei, verhalf sie dem Roman über das Leben Fjodor Dostojewskis zu internationaler Bekanntheit. Der Autor Leonid Zypkin – ein russisch-jüdischer Arzt und Wissenschaftler – hat die Veröffentlichung seines Buches nicht mehr erlebt, aber er hatte es noch geschafft, das Manuskript aus der Sowjetunion herauszuschmuggeln.

Wir werden zurückversetzt in die 70er-Jahre, und der Ich-Erzähler liest auf einer Zugfahrt von Moskau nach Leningrad das Tagebuch von Anna Grigorjewna, der Frau von Dostojewski. Das Ehepaar fuhr im Sommer 1867 nach Dresden und Baden-Baden. Zu diesem Zeitpunkt war Dostojewski ein nervliches Wrack, geschwächt von seiner Zeit der Zwangsarbeit in Sibirien und von schweren epileptischen Anfällen. Der mental Labile verfiel der Spielsucht und ruinierte sich schließlich vollends in einer Spielbank in Wiesbaden. Dies ist die Ausgangssituation von Zypkins Erzählung, in der Dostojewski im Wahn zwischen seiner 25 Jahre jüngeren Frau und dem Spielcasino, zwischen ständiger Erniedrigung und jähem Triumph hin und her hetzt. Man leidet mit dem Nervenschwachen, der ja erst im Alter etwas mehr Ruhe finden sollte. Langsam verschwimmen für den Ich-Erzähler Lektüre und Wahrnehmung der aktuellen Ereignisse 100 Jahre nach Dostojewskis Spiel-Odyssee. Die Erzählweise ist assoziativ, epileptisch, die Perspektiven wechseln nun permanent, nur noch mit Gedankenstrichen voneinander getrennt. Dem Autor gelingt es dennoch auf fesselnde Weise, die Zeitsprünge miteinander zu verbinden. Charaktere aus Dostojewskis Roman sowie andere russische Literaten treten plötzlich auf den Plan. Zypkin kennt den Dichter und sein Werk in- und auswendig, “Ein Sommer In Baden-Baden” ist eine Liebeserklärung an den großen Geschichtenschreiber Dostojewski, an die russische Kultur, an die Sowjetunion. Deutschland kommt dabei nicht so gut weg. So ist in Anna Grigorjewnas Tagebuch zu lesen: “Nach einigen Minuten machten sie sich auf den Heimweg durch die akkurat gepflasterten Straßen mit den akkurat beschnittenen Bäumen, vorbei an den akkuraten deutschen Häusern ...” Doch am Ende scheinen sich die Dostojewskis mit der Kurstadt zu versöhnen: “Jetzt, da sie für immer diese Stadt verließen, sah sie erst wieder – wie am Abend ihrer Ankunft – die Schönheit des Städtchens und der Berge ringsum, hinter denen irgendwo der Rhein bläulich schimmerte.” Ein Buch, das dank Susan Sontag als Klassiker des 20. Jahrhunderts im Kanon der russischen Literatur Platz nehmen wird.



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aus Intro #138 (Mai 2006)
 
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