Vladimir Sorokin

Bro

[Berlin Verlag, 344 S., EUR 22]

24.04.2006, 08:00, Text: Jasper Nicolaisen, Jasper Nicolaisen

Unter einem fallenden Stern wird Alexander Snegirjow geboren, als am 30. Juni 1908 über Sibirien ein gewaltiger Meteorit niedergeht. Nach zunächst behüteter Kindheit in reicher Familie verarmt und verwaist er während der Revolution. Aus einem erfolglosen Studium und vor politischer Verfolgung flieht er schließlich aus Moskau in ein wissenschaftliches Abenteuer: eine Expedition zum Einschlagsort ebenjenes Tungunska-Meteoriten.

“Bro” ist der Nachfolgeband von Sorokins “Ljod. Das Eis”, allerdings zeitlich vor dem Erstling angesiedelt und inhaltlich weitgehend abgeschlossen. Wer den Vorgänger kennt, ahnt, wie es weitergeht.

Der Meteorit aus dem mystischen Eis Ljod erweckt in Alexander die Gewissheit, zu den “Kindern des Lichts” zu gehören, die auf der Erde in stofflichen Körpern gefangen sind, ohne Erinnerung an ihr wahres Wesen. Bro, so der wahre Name des “erweckten” Alexander, weiß nun, dass er seine Brüder und Schwestern in aller Welt aufspüren und wachrütteln muss, damit die vereinten Kinder des Lichts das Ende der Welt herbeiführen können und die verderbte Materie sich endlich wieder in die Ureinheit des Lichts auflöst.

Die Provokation durch die krude Mischung aus Gnosis, Steiner, Übermenschenfantasien und allerlei X-Akten ist volle Absicht und Teil von Sorokins Strategie. Gerade weil hier ein einzelner Ich-Erzähler unwidersprochen die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts als blindes Zucken der “Fleischmaschinen” halluzinieren darf, das lästigerweise die Arbeit der Auserwählten erschwert, sind Leser und Leserin ständig aufgefordert, diesen Widerspruch innerlich zu leisten und sich mit dem Erzähler nicht gemein zu machen. Man muss sich schon erschrecken können, wenn im Verlauf der Erzählung stalinistischer Terror und Konzentrationslager nur ein Mittel sind, um die Suche nach den “sprechenden Herzen” rationeller zu betreiben. Und sich der Logik der Lichtkinder verweigern, die verführerisch fragen: Wäre es nicht besser, wenn nichts wäre? Licht, Harmonie und Ruhe im Karton statt das ganze unordentliche Fühlen, Denken und Wollen, das doch nur Leid schafft?

Sorokin erweist sich also wie schon in “Ljod” als kluger, doppelbödiger Erzähler, der den Lesenden unbequeme Arbeit abverlangt, dem aber gerade deshalb ein packendes und herausforderndes Buch über ein Jahrhundert russischer Geschichte und die Verlockungen totalitärer Systeme gelingt. Im postsozialistischen Russland wird Sorokin selbst übrigens zunehmend Opfer politischer Anfeindungen. Die Putin-treue Jugendorganisation “Die Zusammengehenden” demonstrierte gegen seine angeblich pornografischen Werke, und Duma-Abgeordnete riefen zum Boykott der Oper “Die Rosental-Kinder” auf, deren Libretto von Sorokin verfasst wurde. Vielleicht schlägt sich ja dieses politische Klima, in dem selbst die Simpsons zu subversiv sind, wie jüngst zu lesen war, im nächsten Buch um die “Kinder des Lichts” nieder.



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aus Intro #138 (Mai 2006)
 
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