
Hubert Fichte
Die Zweite Schuld
[S. Fischer, 368 S., EUR 22,90]
24.04.2006, 08:00, Text:
Martin Büsser,
Martin Büsser
In den letzten Jahren hat Hubert Fichte eine kleine Renaissance erfahren. Sie ist einer Reihe von Missverständnissen zu verdanken, die ihren Ausgang in der Feuilleton-Debatte um die so genannte Popliteratur nahm. Als dort nämlich schnöselige Schampus-Literaten für ihre Affirmation neoliberaler Wohlstandspragmatik unter der Etikette “Pop” subsumiert wurden, begannen einige linke Autoren zu intervenieren: Popliteratur stand in den 1960er-Jahren einmal für etwas anderes als die Aneinanderreihung von Coolness-Codes, war Widerstand gegen den saturierten Literaturbetrieb und den “Gruppe 47”-Muff sowie an Burroughs’ Cut-up-Technik orientiertes Experiment.
Abgesehen von der Tatsache, dass es Fichte lieber zu den Straßenstrichern und nach St. Pauli als in die literarischen Salons zog, lässt sich in seinem Werk nichts ausmachen, was in irgendeiner Weise mit Pop zu tun hätte. Mit seinem mehrbändigen Zyklus “Die Geschichte Der Empfindlichkeit” wollte Fichte sein Pendant zu Marcel Prousts “Auf Der Suche Nach Der Verlorenen Zeit” schaffen, ein dicht gesponnenes Netz aus Ethnografie, autobiografischer Selbstfiktionalisierung und Kulturgeschichte, die so gar nichts mit Pop-Eigenschaften wie “oberflächlich” oder “cool” gemeinsam hat.
Zwanzig Jahre nach Fichtes Tod ist nun der letzte Band aus der “Geschichte Der Empfindlichkeit” veröffentlicht worden. “Die Zweite Schuld” unterlag einer testamentarisch verfügten Sperrfrist. In einer Mischung aus Interviews und tagebuchartigen Einträgen beschreibt Fichte darin das “Literarische Colloquium Berlin”, eine Literaturwerkstatt, zu der 1963 alle namhaften deutschsprachigen Autoren zusammenkamen. Fichte kann und will das Werkstattgespräch, an dem unter anderem auch Peter Weiss und Günter Grass teilnahmen, nicht vom historischen Kontext losgelöst betrachten. Damit durchkreuzt er auch eines der Vorhaben, das mit dem Colloquium verbunden war: die literarische Erneuerung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Für Fichte ist eine solche Erneuerung nämlich nur denkbar mit dem Blick zurück, da alles andere einer “zweiten Schuld” gleichkäme. Es fällt nicht schwer, eine Spur von Ekel aus den vermeintlich wertfreien Sätzen zu lesen, die beschreiben, wie selbstgenügsam sich viele Literaten im Wirtschaftswunder-Taumel daran gemacht hatten, zur Tagesordnung überzugehen. Insofern markiert der Text Fichtes Kritik an der Vorstellung, je wieder in Deutschland “normal” schreiben zu können. Mit Pop und dessen Eigenschaft, Vergangenes permanent abzuschütteln, hat dies zum Glück gar nichts zu tun.
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