Jan Böttcher

Geld Oder Leben

27.03.2006, 13:17, Text: Sonja Eismann, Sonja Eismann

Rowohlt Berlin, 302 S., EUR 19,90

Paranoia bedeutet nicht, dass sie nicht hinter dir her sind. Diesen beliebten Studi-Spruch könnte Karls Mutter auf der Bluse tragen, denn als Produkt der Bonner Republik ist die Provinzbankangestellte felsenfest davon überzeugt, dass die RAF bald in ihre Filiale kommt, um nicht sie, aber doch zumindest die von ihr bewachte Kohle zu holen. Auch Jahre nach dem letzten massiven Aufbäumen der Fraktion treibt diese Paranoia sie zu so seltsamem Verhalten, dass Karl meint, die Ängste der Mutter in einem fingierten Banküberfall ausagieren zu müssen und diese damit ein für alle Mal ad acta zu legen.

Wir begegnen dem Twen Karl, nachdem er seine Strafe für den - natürlich - gründlich schief gelaufenen Überfall abgearbeitet hat und nun im Osten den nebulös zwischen Nazitum und DDR-Partisanentum mäandernden Spuren seines kurz vor der Wende von hüben nach drüben rübergemachten und soeben verstorbenen Opis nachschnüffelt.

Dabei verknallt er sich in eine ostdeutsche Provinzsozialarbeiterin, die auch mit Ossi-Neonazis zu schaffen hat, und am Ende geht es runter nach Genua, wo die blutig niedergeschlagenen Demos gegen den G8-Gipfel auch noch mitgenommen werden. Das kurze Anreißen historisch markanter Eckpunkte in einem deutschen Alltagskontext ist ein ehrenwertes Unterfangen, und besonders im Fall der Opa-Schuldfrage werden dankenswerterweise keine allzu eindeutigen Zuweisungen ausgesprochen. Doch gerade im popkulturell aufgeladenen Universum der ProtagonistInnen wirken diese Versatzstücke streckenweise eher wie Schmuck denn ernst gemeinte politische Reflexionen. Besonders die Genua-Reise ist zu offensichtlich auf die Geschichte aufgepfropft, um das aktuelle Thema \"GlobalisierungsgegnerInnen\" auch noch abzuhaken. Denn falls die flüssige Stream-of-Consciousness-Schreibe aus Sicht des eher politisch desinteressierten Karl mit ihrer umgangssprachlichen Slam-Poetry-Ästhetik den bescheidenen geistigen Horizont des Post-Teenagers abbilden soll, gelingt ihr das gut - macht aber im Gegenzug solche Episoden weniger glaubhaft.



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aus Intro #137 (April 2006)
 
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