Elke Naters

Justyna

27.03.2006, 13:16, Text: Sonja Eismann, Sonja Eismann

KiWi, 256 S., EUR 18,90

Elke Naters ist wieder da. Nach den wenig überzeugenden Lifestyle- und Familienleben-Sammelsurien der letzten Jahre wie \"G.L.A.M.\", \"Mau Mau\" und \"Durst Hunger Müde\" schlägt ihr neuer Roman eine völlig andere Richtung ein. Schon nach den ersten Zeilen hat man das Gefühl: Es ist die richtige. Vielleicht zum ersten Mal. Absolut sparsam, fast schon gefühlsarm hakt die mittlerweile mit ihrer Familie bei Kapstadt lebende Autorin die Lebensstationen einer jungen Frau ab. Von 1979 bis 2003 bekommen fast alle Lebensjahre der Protagonistin Justyna, wie Naters 1963 in München geboren, ein eigenes Kapitel.

Dazwischen unvermutete Ellipsen, die die Biografie von Justyna so zufällig erscheinen lassen, wie sie sie selbst wahrnimmt. Kindheit und Jugend im Münchner Suburbia, ein Ausreißer nach Jamaika, Schneiderlehre in München, Boheme-Leben in Berlin mit der Erbschaft des verstorbenen Vaters, Intermezzo in New York, Vorhang in Kapstadt. Statt die komplizierte Gefühlslage der Handelnden wortreich zu entwirren, arbeitet sich Elke Naters unerbittlich nach der Devise \"Show, don't tell\" vorwärts. Der Text gleitet an der Oberfläche des Sichtbaren entlang, ohne Nähe, ohne Psychologisierung der Figuren, und schafft durch diese Distanz eine umso größere emotionale Wucht, da sie zahlreiche Leerstellen lässt. Besonders die scheinbar kunstlose Sprache, die in Wirklichkeit sorgfältig von allen Unwesentlichkeiten befreit ist, erzeugt diesen Effekt - und führt ganz nebenbei dazu, dass man wie aufgezogen eine Seite nach der nächsten runterblättert.

In alle Situationen scheint Justyna fast somnambul hineinzurutschen, als sei ihr eigenes Wollen, das durchaus manifest wird, durch eine kalte Glaswand von ihr getrennt. Alle im Lauf ihres Erwachsenenlebens aufgetürmten Erfahrungen lassen sie in letzter Konsequenz unberührt und leer zurück. Egal, ob es sich dabei um die lebensbedrohenden Grenzüberschreitungen in Jamaika handelt, ihre wie von außen beobachteten Drogen- und Sexerlebnisse, die möglicherweise den Querlink zu de Sades \"Justine\" legen sollen, ihren zufälligen Rutsch in eine Künstlerinnenexistenz als Fotografin oder der Versuch eines solid bürgerlichen Lebens mit Mann und zwei Kindern am Ende - nichts dringt ganz bis zu ihr vor. Gegen Ende des Romans, als Justyna sich in ihr gesetztes Leben einschmiegt und ihr gerade deswegen der unhinterfragte Lebenswille abhanden kommt, mag auch der Autorin selbst ein wenig die Puste ausgegangen sein. Denn man ist müde und frustriert von der eisernen Distanz, die Naters zu ihrer Hauptfigur hält, und der Konsequenz, mit der sie die LeserInnen die Verbindungen zwischen den einzelnen Stationen zusammenrätseln lässt. Aber der Hohlraum dieses nagenden Frusts wird nach und nach mit eigenen Reflexionen und Schlussfolgerungen ausgepolstert, die sich durch den Gesamteindruck des Textes erschließen. Und das ist ja eigentlich das Schönste, wozu Literatur einen bringen kann.



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aus Intro #137 (April 2006)
 
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