
Everett True
Hey Ho Let’s Go. Die Story Der Ramones
02.03.2006, 13:44, Text:
Sandra Grether,
Sandra Grether
Bosworth, 420 S., EUR 15,95
Das ist das Schöne an Rockbiografien: Man denkt, man wüsste schon so alles über ... die Ramones zum Beispiel - und dann tanzen sie noch mal neu vor einem auf. Und zwischen kaputten Scheidungs-Elternhäusern, Teenage-Klebstoff-Schnüffelpartys, Nervenkriegen und Drogenkliniken - gerettet einzig und allein vom Rock'n'Roll - sieht man sie plötzlich nicht nur als eine der ersten Punkbands, die sie zweifelsohne waren, nein, man meint fast, die Ramones hätten den Grunge auch noch miterfunden. Und das, wo sie das Gitarren-Solo stets verweigerten und als Comicband die \"Happy Family\" verkörpern wollten, die sie selber nie hatten (was nur nach außen hin gelang) - mit ihren uniformierten Lederjacken, verfransten Jeans und den Kochtopffrisuren, die mindestens EIN Ramone eigentlich gar nicht mochte ...
\"Hey Ho Let's Go\" also - und hier geht man gemeinsam nicht nur mit den größten Kindsköpfen aller Zeiten, sondern auch mit einem der größten Rockjournalisten ever, mit Everett True nämlich, der so was wie der englische Lester Bangs (der jüngsten Vergangenheit) ist. Denn er lebt(e) das ganze Zeugs wirklich! Plus: Er weiß was über das wahrhaftig Innere der Musik zu sagen, mit der er abhängt. Und er sagt es mit Verve, Herz und natürlich einem Faible fürs Finstere.
Ende der 80er zog er als One-Man-Performance The Legend durch die Clubs, dann rettete (und zerstörte) er sich mit Grunge das Leben. Und spielte Schicksal: True gilt als derjenige, der Kurt und Courtney einander vorstellte. Er war ein Vertrauter Courtney Loves und Teil der Hole-Roadcrew. Bei dieser Gelegenheit übrigens, es war 1995, traf die Autorin dieser Zeilen den wahren Everett, merkte zu spät, dass es sich um ihren angebeteten Lieblingsjournalisten handelte, und schickte den um Asyl flehenden stark alkoholisierten Wilden zum Burger King, statt sich seiner anzunehmen.
Anders als Trues persönlicheren Bücher über den Grunge-Mythos (z. B. \"Live Through This. American Rockmusic In The 90s\"), die er als \"Erfahrungs-Memories SEINER 90er\" bezeichnet, basiert \"Die Story Der Ramones\" auf Gesprächen mit ganz vielen Original-Protagonisten aus dem Ramones-Umfeld der Siebziger bis heute. Ein irrer Rechercheaufwand, der auch die bereits vorhandene Ramones-Geschichtsschreibung mit einbezieht. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass True mit der Mehrzahl dieser Personen - von der Fotografin des ersten Ramones-Covers über diverse Road-Crew-Veteranen bis hin zu Joey, Dee Dee, Marky und Johnny selbst - auch viele Stunden seines Lebens privat abgehangen hat. Und das, wo er doch Engländer ist. Aber gut, schließlich war er ja Ramones-Fan, seitdem er 1976 das erste Album der Band aus der Sammlung seines Bruders stibitzt hatte.
Und so macht True hier genau das wahr, was er den Ramones zugute hält: \"Natürlich versuchten sie nur, als Fans die Unschuld des Rock'n'Roll wiederherzustellen.\"
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