Jürgen Riethmüller

Kontrollgesellschaft Außer Kontrolle. Perspektiven Kritischer Theorie Im Zeitalter Der Globalisierung

28.02.2006, 18:37, Text: Sven Opitz, Sven Opitz

Merz Akademie, 777 S., EUR 37,80

Neben der wissenschaftlichen Normalliteratur mit ihrer diszipliniert kalkulierten Zielsetzung entstehen manchmal Bücher, die in ihrem Anspruch so unvernünftig überbordend sind, dass es nur eine Freude ist, ihnen bei ihrem Treiben zuzusehen. Jürgen Riethmüller jedenfalls will es wissen. Auf knapp 800 Seiten probt er einen Parforceritt zwischen kritischer Zeitdiagnostik und akademischem Zettelkasten, Manifest und Gesellschaftstheorie, angeregter Feuilletonistik und Subkulturanalyse. Sein Interesse gilt den großen Zusammenhängen, geschrieben wird detailversessen und idiosynkratisch. Es lebe die Selbstüberforderung!
Worum geht es genau? Als Referenzpunkt dient die von Gilles Deleuze angestellte Beobachtung, dass die Gegenwart durch Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen gekennzeichnet sei.

Riethmüller bezieht diese These auf die globale Restrukturierung des Kapitalismus nach neoliberalen Imperativen und gelangt auf dem Weg einer kulturtheoretischen Analyse zur Diagnose der \"Kontrollgesellschaft außer Kontrolle\": Heute herrsche eine Krise der Zeichen, die Bedeutungen seien von ihrem Gegenteil ununterscheidbar geworden. Dadurch könnten öffentliche Begründungsdiskurse eine paradoxe Form annehmen. So hört man neuerdings, dass Bomben den Frieden sichern, die Arbeitszeitverlängerung den Arbeitsplatzmangel beseitigt und die Folter zugunsten der Menschenrechte waltet. Aufgrund der zirkulären Struktur der Paradoxie reproduzieren sich die hegemonialen Verhältnisse in \"rasendem Stillstand\" (Paul Virilio) - was wiederum neue Anforderungen an jede kritische Praxis stellt. Letztlich ist es diese Perspektive der Kritik, aus der Riethmüller seine argumentative Flugbahn beschreibt. Dass er dabei über alle Horizonte hinausschießt, weiß er vermutlich selbst am allerbesten.



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aus Intro #136 (März 2006)
 
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