Olga Kaminer

Alle Meine Katzen

24.10.2005, 11:51, Text: Dörte Miosga, Dörte Miosga

Ullstein, 151 S., EUR 16,95

\"Ohne Kater war das Leben öde\", konstatiert die Ich-Erzählerin der Geschichte über Kater Brian Eno, den sie in Leningrad zurückgelassen hat, um in Berlin zu leben. \"Er gehörte zu der besonderen Rasse der absolut schwarzen Katzen, die abergläubische Menschen dazu bringen, nach einem Umweg zu suchen, wenn ihnen ein solches Tier über den Weg zu laufen droht.\" Immer geht es der Erzählerin auch um die magische Wirkung, die Katzen ausüben. Für Olga Kaminer haben die Vierbeiner mindestens so viele unterschiedliche Eigenschaften wie Menschen: So erzählt sie vom konservativen Kater Phython, dem suizidgefährdeten Kater Ceasar, dem Macho Masja oder dem intelligenten Kater Schamil, der Schiller liest und klassische Musik liebt.

Wir lernen Einzelschicksale wie das der Katze Maus kennen, die als Baby aus einem überfluteten Keller gerettet wurde, in dem sie zwischen ihren toten Artgenossen fast ohnmächtig hin und her geschwommen war. Die Katze hat tieftraurige gelbe Augen und ist traumatisiert, bis sie schließlich Selbstmord begeht, indem sie aus dem Fenster eines vierzehnten Stocks springt. Die Autorin schätzt die Individualität und den Freiheitsdrang dieser Wesen: \"Warum ich Katzen den Hunden vorziehe? Weil es keine Polizeikatzen gibt - und auch nie geben wird.\" Kritik übt sie an der \"deutschen Tierhaltung\": \"In Deutschland leben die Katzen wie Fische im Aquarium, sie werden drei Mal am Tag mit Spezialprodukten gefüttert, für sie werden spezielle Kratzbäume und Personaltoiletten gekauft, manche Katzen haben sogar eine Krankenversicherung.\" Olga Kaminer hatte in ihrem Leben 17 Katzen, doch ihre autobiografischen Geschichten zeigen, dass auch sie selbst mehrere Leben zu haben scheint. Ihr erstes verbringt sie in der ehemaligen Sowjetunion: Sie berichtet vom Wohnungsschwarzmarkt, von der Künstlerszene im damaligen Leningrad, von der \"sozialistischen Planwirtschaft, in der es nie nach Plan ging\". Als sich mit der Perestrojka die Grenzen des Landes langsam öffnen, kommt sie 1990 in das Berlin nach dem Mauerfall. Sie ist fest entschlossen, im heruntergekommenen Ostteil der Stadt eine neue Existenz aufzubauen. In Theaterkreisen lernt sie den imposanten jungen Russen Wladimir kennen, ihren heutigen Mann und \"Russendisko\"-Autoren, mit dem sie in Berlin lebt. Es muss schwierig für sie sein, neben seinem Erfolg als Schriftstellerin zu debütieren, aber wie Herr ist auch Frau Kaminer eine große Geschichtenerzählerin. Neben den kurzweiligen Katzen-Storys hat Olga Kaminer ein Anliegen, das zwischen den Zeilen deutlich wird. Sie hat für immer ihre Heimat verlassen, eine Rückkehr ist nicht möglich. Man merkt, dass sie mit den Geschichten ihr Leben zeigen will wie andere mit Fotos, die Zeit zurückholen und festhalten. Es ist eine Reise durch Zeiten und Städte mit interessanten Menschen - und Katzen.



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aus Intro #133 (November 2005)
 
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