David Gilbert

Die Normalen

24.10.2005, 11:48, Text: Michael Saager, Michael Saager

Eichborn Verlag, 400 S., EUR 22,90

Ausnahmeautoren des jungen amerikanischen Literaturnachwuchses wie Dave Eggers, David Foster Wallace oder Walter Kirn sind alles Mögliche, nur längst keine Ausnahmen mehr. Jung freilich auch nicht, denn unter dreißig ist keiner von ihnen. Was sie eint, ist die Hipness ihrer Themenwahl, der (verzweifelt) humorvolle, bisweilen ironisch gebrochene Blick auf die Gesellschaft, ihre unglaubliche Eloquenz, die schnoddrig nicht genannt werden kann, weil ihr Stil (oder vielleicht besser: Style), so sehr er auch knallt, dafür dann doch zu elegant ist. Die meisten dieser Autoren, David Gilbert gehört inzwischen dazu, haben ihr Handwerk in angesagten Magazinen wie GQ oder Harper's Bazaar verfeinert; rasch folgte bei allen ein dicker Roman, von der heimischen Presse zumeist als Meisterwerk angepriesen.

Ein Meisterwerk ist Gilberts Debütroman \"Die Normalen\" wohl nicht, obgleich man die Ambitionen des Autors, etwas wirklich Originelles zu schreiben, deutlich spürt.

Originalität ist hier eine Frage des Themas bzw. eine des Settings der Handlung. Der Roman spielt in einer Klinik, in der an einer normalen Probandengruppe im Rahmen einer Pilotstudie ein Medikament gegen Schizophrenie getestet wird, für Geld versteht sich. Leicht anzunehmen, dass es dort mächtig abgehen sollte. Doch ist das nicht so sehr der Fall. Sicher, Gilbert interessiert sich für die Idee des heiklen sozialen Gruppenexperiments im Medizinischen. Und der eine oder andere fiese Charakter, kritikwürdige Koalitionsbildungen gegen Außenseiter, Paranoiaschübe, Sex als Experiment dritter Art und nicht zuletzt grausige Selbstverstümmelungen spielen ihre standesgemäße Rolle in einer abgeschlossenen Welt, die der Autor als leicht verzerrtes Spiegelbild einer egoistisch individualisierten Fernsehwelt \"da draußen\" in Szene setzt.

Abgesehen davon, dass diese Perspektive so originell gar nicht ist - Gilbert will noch etwas anderes. Deshalb hat er den sympathischen Protagonisten Billy erfunden; einen notorisch lebensunentschlossenen Harvard-Absolventen, dem 56.000 Dollar Schulden schwer ins Genick drücken - die Studie bietet eine gute Gelegenheit, sich dem Alltag zu entziehen und gleichzeitig finanziell auf die Beine zu kommen. Da der Roman Billys Perspektive einnimmt - die Perspektive eines hochgebildeten, pointiert quasselnden, leicht panischen, sehnsüchtigen Zweiflers (\"Er sollte dankbar sein für seine Gesundheit. Schließlich ist seine Gesundheit alles, was er hat. Seine Gesundheit könnte ihm noch mal das Leben retten.\") -, ist er mehr als eine Satire. Man könnte sagen: Billy sorgt für die melancholische Seele, für ein Herz. Was gut ist für die Romankonstruktion insgesamt. Und doch droht das Buch bisweilen an seiner arg geschwätzigen Selbstverliebtheit zu ersticken. Ein Schwachpunkt übrigens, der wiederum auch typisch ist für die Bücher berühmterer Kollegen: Sie alle verwechseln viel reden mit viel sagen. Nicht immer, aber häufig.



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aus Intro #133 (November 2005)
 
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