Will Eisner

Das Komplott. Die Wahre Geschichte Der Protokolle Der Weisen Von Zion

24.10.2005, 09:59, Text: Matthias Schneider, Matthias Schneider

DVA, 152 S., EUR 19,90

Keine leichte Aufgabe, die sich Will Eisner mit seinem Comic \"Das Komplott\" gestellt hat und die ihn über 20 Jahre, bis kurz vor seinem Tod im Januar dieses Jahres, in ihren Bann zog. Doch wie kommt es, dass die Zeichnerlegende, dass der virtuose Lenker des Comic-lesenden und -sehenden Blicks, der in den 50er-Jahren mit seiner Detektiv-Comicserie \"The Spirit\" für wegweisende Innovationen im Medium der Schriftbildlichkeit sorgte und mit seinen Büchern \"Comics And Sequential Art\" und \"Graphic Storytelling\" Standardwerke der Comictheorie schuf, zwei Jahrzehnte zur Fertigstellung eines einzigen Comics benötigte?

Mit seinen Mitteln erzählt Eisner die Wahrheit über eine Lüge.

Eine Lüge, die seit einem Jahrhundert als \"Protokolle Der Weisen Von Zion\" weltweit Hass verbreitet. Nach heutigem Kenntnisstand wurden die \"Protokolle\" 1898 im Auftrag des russischen Geheimdienstes gefälscht, um die Reformisten im zaristischen Russland als jüdische Weltverschwörer zu verleumden. Die angeblichen \"Protokolle\" sollen die vermeintlichen Gespräche der Juden während des ersten zionistischen Weltkongresses 1897 in Basel dokumentieren, bei dem sie die Beherrschung der Welt beschlossen haben sollen. Doch dem war nicht so. Wie ein einfacher Textvergleich beweist, diente die Streitschrift des französischen Satirikers Maurice Joly als Vorlage. In seinem Buch \"Gespräche In Der Unterwelt Zwischen Machiavelli Und Montesquieu\" von 1864 wurden kurzerhand einzelne Passagen geringfügig geändert oder gar nur Worte ausgetauscht. Umso erstaunlicher ist es, dass die \"Protokolle\" trotz dieser Beweise selbst heute noch auf der ganzen Welt als seriöses Dokument verlegt und vertrieben werden. In dem Vorwort zu Eisners Comic erklärt Umberto Eco das Phänomen mit dem Wunsch der Menschen nach einem klaren Feindbild, der die \"Protokolle\" wie einen Alptraum wiederkehren lässt und sie gegen jegliche Kritik feit.

Als Eisner mit der Arbeit an \"Das Komplott\" begann, wusste er um die Unmöglichkeit, mit seinem Comic ein für alle Mal das Gerücht aus der Welt zu schaffen. Diese Aussichtslosigkeit lähmte ihn bei seiner Arbeit und zögerte den Abschluss des Projektes heraus. Doch schlussendlich ließ er sich nicht beirren und nahm den Kampf gegen die übermächtige Hydra der antisemitischen Verschwörungstheorie auf, recherchierte akribisch und trug die wissenschaftlichen Fakten zusammen. Der Comic beginnt mit den historischen Ereignissen und beschreibt das vom Antisemitismus geprägte kulturelle Klima um 1900. Nachdem die \"Protokolle\" durch eine Konfrontation mit Jolys Text als Fälschung deklariert worden sind, kommt die stärkste und zugleich tragischste Stelle des Comics. Nämlich die, an der Zeichner und Autor Eisner seine autobiografischen Erlebnisse bei der Recherche schildert und sich trotz zahlreicher Rückschläge dieser großen Lüge und dem Hass stellt und sie unbeirrt bekämpft.



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aus Intro #133 (November 2005)
 
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