
Susanne Heinrich / In Den Farben Der Nacht
Emotionale Drifterinnen
27.09.2005, 16:21, Text:
Sonja Eismann,
Sonja Eismann
Die deutschsprachige Literaturszene hat wieder ein goldenes Küken: Der 1985 geborenen Susanne Heinrich, die am renommierten Leipziger Literaturinstitut studiert, wurde per Einladung zum diesjährigen Bachmann-Wettlesen ein überraschend früher Ritterschlag erteilt. In Klagenfurt ging die gebürtige Leipzigerin, die in ihrer kargen Freizeit gerne Chansons oder brachiale Elektrotracks besingt, zwar leer aus, dafür veröffentlichte Dumont kurz darauf ihren ersten Erzählband \"In Den Farben Der Nacht\". Dort verlieren sich junge Frauen auf der Suche nach Glück und Bedeutsamkeit in fast ununterscheidbaren, gesichtslosen Liebes- bzw. Sexbeziehungen. Die Sinn suchende Melancholie der Texte sowie die gravitätische, bewusst unpoppige Sprache veranlassten Teile der Klagenfurter Jury, vom \"Alter der Jugend\" und \"Amélie-Literatur\" zu sprechen.
Fühlen Sie sich oft als Fräuleinwunder behandelt, das man aufgrund seines geringen Alters neugierig beäugt, oder glauben Sie, von diesem Reflex hat sich der Literaturmarkt erholt?
Mit dieser Gefahr bin ich natürlich schon in Berührung gekommen. Ich halte es für eine bedenkliche Bequemlichkeit, Etiketten der Neunziger aufgrund weniger Eckdaten - mein Alter, das Literaturinstitut - zu reanimieren. Natürlich muss ich mit Schlagwörtern wie \"Institutsprosa\", \"Fräuleinwunder\" und \"Mädchenlyrismen\" leben, nicht zuletzt deswegen, weil ich mich freiwillig sehr früh in den Literaturbetrieb begeben habe. Daraus ergeben sich aber auch viele interessante (Spiel-) Möglichkeiten: In bestimmten Medienformaten kann ich mein Alter eine Zeit lang als Trumpf verwenden und damit auf mich als Figur aufmerksam machen, um über mich hinaus und durch mich hindurch auf den Text zu verweisen.
Wie wichtig sind Popmusik-Zitate für Ihr Schaffen?
Ich wollte das Stilmittel der Songzitate aus dem verwaschenen Pseudo-Genre der Popliteratur herauslösen und bewusst anders verwenden: eben nicht als einen Ersatz für Tiefgang, sondern als Anbindung an die Oberfläche. Die Zitate transportieren also weniger nur einen Inhalt, als vielmehr in ihrer Funktion als Zitat aufzutreten. Sie sind sowohl die Deckung der Figuren, die sich in ihren ständig verfügbaren Zitatmantel hüllen und ihre Gefühle legitimieren, belegen und damit verifizieren, indem sie auf vorhandene Aussagen und Gefühlsbeschreibungen referieren, als auch ein bewusstes Spiel mit literarischen, filmischen und musikalischen Versatzstücken einer Secondhand-Welt der ewigen Zitate, das die Figuren in ihrer Langeweile, in ihrem Überdruss und Selbstekel wach hält.
Die Ich-Erzählerinnen in Ihren Geschichten sind alle sexuell promisk, dabei aber auch so etwas wie emotionale Drifterinnen, immer im gleichen Maße auf der Suche nach Leid wie Erfüllung. Was wollen Sie damit zeigen?
Die Unfähigkeit meiner Figuren, sich tatsächlich für die Möglichkeit von Glück zu entscheiden. Alle meine Figuren haben eine sehr bürgerlich-naive Vorstellung vom Glück. Wenn sie sich das Glück vorstellen, sind das harmonische Alltagsszenerien zwischen exzentrischem Fahrstuhlfahren und gemeinsamem Kochen. Sobald das Glück, wie sie es sich vorstellen, mit all seiner Ruhe, mit dem beinahe griechischen Gleichmut, sich zur Ahnung verdichtet, erschrecken die Figuren und flüchten zurück in ihre wohlbekannte muffig-melancholische Traurigkeit, in deren Intensität sie sich am stärksten selbst empfinden. Mit diesem masochistischen Pendeln zwischen Lust und Leid fügen sie sich unentwegt selbst Schmerz zu - und wissen am Ende wenigstens, dass das kein funktionierendes Lebens- und Liebesmodell ist, als eine der Figuren quasi stellvertretend für alle Protagonistinnen sagt: \"I'm through with all this. I prefer sleeping alone.\"
Ihre Erzählungen weisen alle sehr große Ähnlichkeiten auf - es gibt immer eine weibliche Ich-Erzählerin, alle sind im Präsens erzählt, und es geht, bis auf in \"Halbe Teller\", immer um unglückliche, komplizierte Liebesbeziehungen zwischen Männern und Frauen. Wie kommt das?
Die Erzählungen dieses Buches haben außer der Autorin eines gemeinsam: Sie weisen dieselbe Struktur auf. Man könnte sie übereinander legen - die Essenz wäre ein bestimmter Aufbau: eine Annäherung, der Versuch, eine gemeinsame Umgangs- und Liebesform zu finden, Sex als Unterbrechung und Beendigung des Annäherungsprozesses. Eben das war mein Ziel: eine Geschichte in so vielen Varianten zu erzählen, bis sie nicht mehr erzählbar ist. Und damit auch: etwas sprachlich ad absurdum führen.
Ein bisschen hat man das Gefühl, es ist eigentlich immer dieselbe Figur mit anderen Namen und anderen Männern in verschobenem Setting, aber mit ähnlichen \"Problemen\".
Genau. Diese Lesart ist möglich. Die Männer bleiben Inventar. Sie sind luftig, unklar, unkonturiert. Austauschbar. Man kann die Handlungssubstanz einer Erzählung als Erinnerung in die nächste hinübertransportieren. Entscheidet man sich für diese Lesart, wird schnell deutlich, dass die Protagonistin mit zunehmender Seitenzahl immer mehr zerrinnt in diesem Kreis aus Männern, bis sie die Orientierung verliert und die Motivation vergisst, aus der heraus sie sich in diesen Strudel begeben hat.
Welche fünf Bücher hätten Sie selbst gern geschrieben?
Henry Miller \"Sexus\"
Zeruya Shalev \"Mann Und Frau\"
Ernest Hemingway \"Garten Eden\"
Henri-Pierre Roché \"Jules Und Jim\"
Jeanette Winterson \"Auf Den Körper Geschrieben\"
Stina Nordenstam
Radiohead
Portishead
Björk \"Hyperballad\"
Avishai Cohen Trio \"Remembering\"
Susanne Heinrich
In Den Farben Der Nacht
Dumont, XX S., EUR 17,90
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