Andrea Rothaug

Frierkind

27.09.2005, 15:44, Text: Sonja Eismann, Sonja Eismann

Eichborn, 243 S., EUR 19,90

\"Frierkind\" wedelt mit allen Referenzen, die man sich von einem szenigen, poppigen und um eine eigene literarische Sprache bemühten ersten Roman nur wünschen kann. Die Story spielt in einem Hamburg zwischen Mutter, Pudel und Hinterconti, die ProtagonistInnen hören Parole Trixi, Dackelblut und Kevin Blechdom, und die HauptakteurInnen sind eine trendige Übermutter, ein neurotischer Sohn und eine exaltierte französische Elektronik-Musikerin. Wow. Aber leider erstickt die Handlung unter dem prächtig-verstörenden Dekor, das mit riesigen Schöpfkellen ausgeteilt wird, sodass der dünne Plot sich verschreckt in die Kulissen des hier aufgebotenen Kuriositätenkabinetts zurückzieht.

Denn die ProtagonistInnen (und es ist schön, dass die Frauen hier in jeder Hinsicht die Hauptrollen spielen) sind nicht nur wahnsinnig schrill und exzentrisch - der ewig in sein Notizbuch kritzelnde Dichter darf genauso wenig fehlen wie der Tick-geplagte Tourette'ler -, sondern auch alle höchstgradig versehrt: Jede/r wurde irgendwann einmal Opfer sexueller, inzestuöser, betrügerischer oder sonst wie perfide gewalttätiger Übergriffe, sodass der nekrophil-sodomitische Max Tinker, seine promiske Szene-Checkerinnen-Mutter und ihr gemeinsames Liebesobjekt, die von ihrem Schönheitschirurgen-Vater zur hübschen Maske verunstaltete Französin Natalie, in einer Art Psycho-Fest hoffnungslos ineinander verkeilt sind. Weniger Bataille'eske Skandal-Wut hätte der Entwicklung der Geschichte gut zu Gesicht gestanden, trotzdem ein beachtliches Debüt der Rockcity-Hamburg-Geschäftsführerin.



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aus Intro #133 (November 2005)
 
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