Diedrich Diederichsen

Musikzimmer. Avantgarde Und Alltag

27.09.2005, 15:43, Text: Martin Büsser, Martin Büsser

KiWi, 256 S., EUR 9,90

Ein neuer Diederichsen? Nein, wieder einmal in der Hauptsache nur Zweitverwertung, diesmal stammen die Texte ursprünglich aus dem Tagesspiegel, lohnen aber eine erneute Lektüre, und sei es nur, um sich der Treffsicherheit zu vergewissern, mit der Diederichsen zur richtigen Zeit über die richtigen Dinge geschrieben hat, von Sun Ra bis Animal Collective, von Die Tödliche Doris bis Lizzy Mercier Descloux. Ja, der Schwerpunkt liegt auf Avantgarde, ganz gleich, ob man sie nun als Neue Musik, Jazz oder Pop-Avantgarde apostrophieren möchte. Mit verständlichem Trotz und einer Müdigkeit gegenüber der Pop-Entwicklung seit den 1990er-Jahren erklärt Diederichsen im lesenswerten Vorwort seine Abkehr vom Pop-Alltag: \"Über Avantgarde kann man jedenfalls nicht mehr in Pop-Zeitschriften schreiben.\" Avantgarde-Musik sei, so Diederichsen, \"als Kunst nicht so langweilig wie eine Pop-Musik, die nichts mehr versprechen kann.\" Kündigt sich da etwa der Rückzug in die bürgerlichen Reihen an? Nicht wirklich.

Vielmehr widersetzt sich Diederichsen jenen, die darin nur Distinktionsgewinn wittern, indem er nicht mit materialästhetischen Qualitätskategorien argumentiert, sondern die politische Konsequenz der Kunst für unseren Lebensalltag in den Mittelpunkt stellt: Die \"Kraft der Unterbrechung, der Zäsur, der Negation\" - also all das, was Avantgarde laut Diederichsen leisten kann - \"scheint mir heute oft wichtiger als die nun eher folgenlos gewordene Umarmung des Lebens durch eine Pop-Musik, die gegen den Versprechenscharakter der Ware nicht mehr dessen mögliche Realisierung setzt, sondern selbst nur noch verspricht, dass nichts passieren wird.\" Hier hat einer vortrefflich die Sprache Adornos gelernt, meint aber doch im Detail etwas anderes als der Frankfurter Meister: Die Avantgarde selbst vermag inzwischen das zu leisten, was viele einmal in Pop projiziert haben, nämlich, radikal andere \"Positionen und Lebensentwürfe\" anzubieten. Glam ist also nicht mehr primär eine Frage des T-Shirts, sondern der Dissonanz als Haltung geworden. Oder vielleicht strenger noch: Die Kategorie Glam selbst hat als Widerstandsmoment ausgedient.



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aus Intro #133 (November 2005)
 
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