Vierter
27.09.2005, 15:40, Text:
arno raffeiner,
arno raffeiner
ID Verlag, 130 S., EUR 19,80
Es ist ein Gefühl, das wir alle kennen: richtig gut dabei sein, alles geben und mit den Ersten ins Ziel kommen, nur um am Ende doch als Versager dazustehen, als Vierter nämlich, unbedeutend, sofort vergessen. So gespannt man sein darf, wie das Thema Sport unter diesem Blickwinkel verhandelt wird, so ratlos und schließlich enttäuscht steht man dieser Sammlung von Texten und Illustrationen gegenüber. Das meiste wirkt so, als ob ohne substanzielle Idee Beiträge gesammelt wurden, ohne sich über Form oder Fokus Gedanken zu machen. Natürlich gibt es Ausnahmen: die Zuspitzung des Körperlichen auf das rein Phallische in den Zeichnungen von Daniel Clowes etwa oder den Beitrag von Katja Huber, der unter dem Titel \"Der Langweiligste Sport Der Welt\" literarisch eine persönliche Faszination am Sport abbildet, die eben nicht wirklich erklärbar ist.
Sven Barske liefert einen historischen Abriss der Aerobic-Bewegung, der diese Pop-Sport-Mode als soziales Analysematerial auffasst und sie in all ihrer Widersprüchlichkeit zwischen feministischem Körperbewusstsein, Kapitalismus und neoliberaler Ideologie beschreibt. Eine interessante Kopfarbeit also, die sich bei Schorsch Kamerun wieder findet, allerdings ganz aus dem Bauch heraus. Er verrückt in seinem Text einfach den Blickwinkel und sagt damit mehr über Sport aus als die meisten anderen Beiträge. Der Touralltag des Rockers wird von ihm als sportliche Leistung ernst genommen, Kamerun zeigt sich hin und her gerissen zwischen gesundheitlichen Bedenken und dem Zwang, das Rockklischee bestmöglich abzuliefern, inklusive der obligaten Verausgabung, des \"Flüssigdopings\" und des Drogenkonsums im Gewand der Disziplinierung. Kamerun zeigt so einen möglichen Ansatz für die Behandlung des Themas auf: Sport-Mechanismen und -Riten in anderen Bereichen wieder finden und ihnen mit einem Wettkampf-Vokabular beikommen, Ehrgeiz, Fantum und Fanatismus aufspüren, das Hobbygeplänkel nach Feierabend mit Erbauungs-, Fitness- und Zerstreuungsideologien verbinden, von Bodykult und Körperwahnsinn schreiben. Aber kaum etwas davon findet hier sonst Erwähnung. Da das Buch so wenig zu wissen scheint, was es eigentlich könnte und wollen sollte, ergehen sich auch die meisten AutorInnen in ratlosem Geschreibe, das - mal mehr, mal weniger literarisch angehaucht - mit biografischen Lappalien illustriert wird. \"Neue Spielideen fallen mir meist auf der Fahrt in die Schule ein. Eine davon wurde sogar in einer Sportlehrerzeitschrift veröffentlicht: Friskey.\" Gratuliere! Mehrmals drängt sich an solchen Stellen die Frage auf, ob diese Leerlauf-Texte wirklich ernst gemeint sind. Bei allem Ehrgeiz, der auch im Hobbysport notwendig ist und hier so manches Mal durchblitzt: Mit den Ansprüchen an dieses Buch wurde reichlich tiefgestapelt. So wird schließlich auch die Versprechung des Titels eingelöst. Ein ums andere Mal werden die Texte Vierter, sind in ihrer ziellosen Beliebigkeit unbedeutend.
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