Dave Eggers

Wie Hungrig Wir Doch Sind

27.09.2005, 15:38, Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Kiepenheuer & Witsch, 352 S., EUR 19,90

Viele träumen wohl vor allem deshalb von einer Schriftsteller-Karriere, weil sie noch immer das Bild oder den Mythos von Burroughs und Kerouac vor Augen haben, dieses schon leicht angestaubte Image vom verwegenen In-den-Tag-Leben, von Alkoholexzessen und ständig leeren Taschen, die zwar lästig sind, dafür aber Bewunderer nach sich ziehen. Doch Schriftsteller, die wie Burroughs leben und zugleich Erfolg haben, gibt es nicht mehr. Völlig entgegengesetzt liest sich daher auch die Karriere von Dave Eggers, dem Shootingstar der amerikanischen Literaturszene: Er war schon einmal ganz oben, bevor er sich entschloss, gegenüber der Dotcom-Society auf Distanz zu gehen.

Eggers arbeitete als Redakteur für das Lifestylemagazin Esquire und kündigte den Job erst, nachdem er bereits den Vorschuss für sein erstes Buch \"Ein Herzzerreißendes Werk Von Umwerfender Genialität\" erhalten hatte. Eggers' Roman baute auf jenen \"postmodernen Referenzsystemen\" auf, die Sascha Seiler in Intro #131 auch dem neuen Roman von Jonathan Safran Foer bescheinigt hatte: Mittels Zitaten, Paratexten, eingefügten Fotos oder Diagrammen brechen die Autoren mit dem konventionellen Korpus und Aufbau eines literarischen Textes - eine Methode, die freilich so \"postmodern\" nicht ist, sondern sich bis zu Laurence Sterne ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, der in seinem \"Tristram Shandy\" auch schon Gimmicks wie eine leere Seite eingebaut hat.

Die in \"Wie Hungrig Wir Doch Sind\" versammelten Storys haben dagegen etwas ganz anderes mit Safran Foers aktuellem Post-09-11-Roman gemeinsam: Trotz aller spielerischen Verweise ist hier eine neue Ernsthaftigkeit zu beobachten. Es geht um Befindlichkeiten, allerdings nicht, wie dem deutschsprachigen Nachwuchs im Rahmen des Klagenfurter Wettbewerbs bescheinigt wurde, um bloß private, sondern auch um politische Befindlichkeiten. In der Mitte ihres Lebens verspüren Eggers' Protagonisten einen Hunger nach Leben, wissen aber nicht, wie sie ihn sättigen sollen. Gleich die zweite Story, die nur zwei Seiten umfasst, erklärt den \"nicht fassbaren Lebensüberdruss\" eines amerikanischen Bürgers mit einem Kriegsfoto, das er in der Zeitung gesehen hat. Das Vietnam-Trauma ist zurückgekehrt und lässt auch die zu Hause Gebliebenen mit einer großen Leere zurück. Eine Story handelt von Angst vor Terroristen, die sich als bloße, unbegründete Paranoia herausstellt, eine andere lässt ein Sex-Abenteuer erwarten und endet in keuscher Beziehungslosigkeit. Die Figuren, von denen Eggers erzählt, sind existenziell entwurzelt, süchtig nach Intensität, die ihnen doch nirgendwo mehr gewährt wird. Deshalb besteht auch der größte erzählerische Kunstgriff dieser Storys in ihrer permanenten Enttäuschung des Lesers: Sex and Crime werden nur noch als Möglichkeiten angedeutet, die in der Regel nicht stattfinden. Die hier geschilderte Lethargie ist total. Sie betrifft die Menschen, den Staat und die noch junge Epoche.



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aus Intro #133 (November 2005)
 
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