J.M. Coetzee

Zeitlupe

27.09.2005, 15:37, Text: Michael Saager, Michael Saager

S. Fischer, 301 S., EUR 18,90

\"Der Stoß erwischt ihn rechts, heftig und unerwartet und schmerzhaft wie ein elektrischer Schlag, und schleudert ihn vom Fahrrad. Entspanne dich!, ermahnt er sich, während er durch die Luft fliegt (mit größter Leichtigkeit durch die Luft fliegt!), und tatsächlich spürt er, wie seine Gliedmaßen gehorsam erschlaffen.\" Ein Auto hat den sechzigjährigen Paul Rayment erfasst; in der Sekunde vor seinem Aufprall denkt er noch, er würde geschickt landen wie eine Katze, doch er landet wie ein schwer verletzter älterer Mensch.

J.M. Coetzee lässt seinen jüngsten Roman \"Zeitlupe\" mit einem Unfall beginnen - und von der ersten Zeile an beweist er so sein Können: Niemand beschreibt derart präzise, klar und nüchtern das Innere menschlicher Gedankenabläufe.

Gleichzeitig ist Coetzee ein Autor tragischer Situationen. Es steht meist viel auf dem Spiel in seinen Büchern, so auch in \"Zeitlupe\". Der Protagonist Paul Rayment verliert ein Bein. Die Ärzte amputieren es oberhalb des Knies. Und es zeigt wiederum viel von Coetzees Können, wie er mit literarischen Mitteln auf den nächsten knapp hundert Seiten eine Art sozialpsychologische Typik der Versehrungen und des Alterns (oder Alters) entwirft, ohne dabei von der Individualität seines Helden abzusehen. Man kann das alles sehr gut nachfühlen: Rayments Hass auf den Stumpf, den Kampf um Würde als behinderter Mensch, sein permanentes Pendeln zwischen Aufbegehren, Schicksalsfügung und völliger Aufgabe Richtung Depression. Und das Einzige, was man dem Buch daher im ersten Drittel vorwerfen mag, ist eine gewisse Spannungslosigkeit: Es passiert nicht gerade viel.

Und dann, mit einem Mal, verändert das Buch seine Gestalt, herbeigeführt über eine Wendung, die unplausibler kaum sein könnte: Elisabeth Costello, die berühmte Schriftstellerin und alte Quengelziege, Protagonistin aus Coetzees letztem, gleichnamigem Roman, schneit in Rayments Leben. Anscheinend will sie ein Buch über ihn schreiben, doch die einzige Erklärung, die sie ihm bietet, nachdem sie sich in seiner Wohnung eingenistet hat, ist, dass er zu ihr gekommen sei, nicht sie zu ihm.

Es ist absurd, wie sie sich in sein Leben drängt; ähnlich absurd wie die Gespräche zwischen Costello und Rayment - alles wird bis ins Allerkleinste ausdiskutiert. Doch ist Coetzees Vorgehen nicht absurd genug, um komisch zu sein. Aber ein komischer Autor war er ja noch nie. Und ohnehin will er etwas anderes: Er opfert den unbarmherzigen (psychologischen) Realismus seiner bisher erzählten Geschichte für einen schwerfälligen und wie nachträglich implantierten metafiktionalen dialogischen Kommentar - einen ethischen Kommentar über Hoffnung, Sorge, Dankbarkeit, Veränderung und Liebe. Mitunter wird das richtig kitschig. Auch die unbesehene Klugheit mancher vermittelter Einsichten vermag das Romangebäude nicht zu retten. Erst knirscht es im Gebälk, und irgendwann bricht es zusammen.



Artikel kommentieren
aus Intro #133 (November 2005)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Michael Saager, Michael Saager
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]