David Means

Coitus

23.08.2005, 13:22, Text: Michael Saager, Michael Saager

Dumont, 280 S., EUR 19,90

David Means ist ein Autor privaten Unheils und tragischer Missgeschicke. In seinen Erzählbänden \"Assorted Fire Events\" (2000) und \"The Secret Goldfish\" (2004) besetzen Alltagskatastrophen die Gedanken der Protagonisten und zerren an deren Körpern: Sie schreiben sich ein in deren Gesten und Haltungen. Viele dieser Ereignisse haben mit dem Tod zu tun. Auch deshalb sind die Dinge so sehr schwer zu verstehen, erst recht zu verdauen. Jeffrey Eugenides nennt seinen Kollegen auf dem Buchrücken von \"Coitus\" - einer ersten deutschsprachigen Auswahl von Means' Storys - einen \"Anatom des Desasters\".

Die Charakterisierung trifft den Punkt. Tatsächlich betreibt Means eine überaus dichte (Innen-) Schau der Form und Struktur des Katastrophalen und seiner Folgen.

Die Erzählung \"Von Der Brücke Geweht\" trägt ihr Schlüsselereignis bereits im Namen: Ein kleiner Toyota wird in einem heftigen Sturm von einer Brücke geweht. Er versinkt in einem Fluss. Gefangen im Auto: ein junges Mädchen. Interessant ist das Geschehen nicht als Ereignis an sich, sondern in seiner Funktion als mehrdeutiges Zeichen. Es stellt die Frage nach individueller Schuld, steht für die vergebliche Suche nach einem Sinn und die Unmöglichkeit einer Umkehrung der Geschehnisse. Die Stunden vor der Katastrophe speisen sich aus Liebe, Sex und einem Streit. Means erzählt diese für den Erzählband durchaus typische Geschichte aus der Perspektive des Freundes: Er wollte doch so gerne, dass sie bei ihm bleibt in dieser stürmischen Nacht, und doch behandelte er sie grob - denn sie wollte lieber nach Hause. Es ist seine letzte Geste vor ihrer Fahrt auf die Brücke. Means' Shortstorys sind reich an Wendungen, psychologischen Einsichten und Erzählperspektiven. Der Autor lässt seine Protagonisten durch die Zeiten hüpfen, lässt sie immer wieder gedanklich abschweifen, meist in die Vergangenheit oder eine Wunschzukunft, bis die Erzählungen überquellen vor (gefühltem) Leben. Viele seiner Geschichten haben einen allegorischen, mithin parabelartigen Charakter. Und manche von ihnen könnte man sogar religiös oder übersinnlich nennen. So wie die des Mannes, der sieben Blitze überlebt, bevor ihn ein achter - wie vorherbestimmt - töten wird. Seit vielen Jahren nimmt er die Blitze persönlich. Und wie auch nicht: Sie verursachen bleibende neurologische Schäden und verändern sein Leben fast willkürlich: \"Der spinnenwebartige Blitz legte sich als bläulich leuchtendes Spitzendeckchen über das Fliegengitter, sammelte sich, schoss durch das Fenster und schien, während er Agnes einhüllte, zu gerinnen, sodass Nick in dem kurzen Augenblick, bevor der Stromausfall den Raum in Dunkel tauchte, ein Negativ von ihrem herrlichen Körper zu sehen bekam.\" Auch das ist eine Kunst: den Tod eines geliebten Menschen in etwas Sinnliches zu verwandeln, ohne vom Schrecklichen abzusehen.



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aus Intro #131 (September 2005)
 
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