Sticheleien
18.07.2005, 16:20, Text:
Sonja Eismann,
Sonja Eismann
Edition Moderne, 136 S., EUR 18
Nach dem bahnbrechenden Erfolg ihrer Comic-Autobiografie \"Persepolis\" zieht sich die in Paris lebende Iranerin mit ihrer neuen Comic-Story \"Sticheleien\" in einen Salon der Teheraner Bourgeoisie zurück. Dort tauschen sich, unter der Ägide von Satrapis Großmutter, Frauen aller Altersklassen über intimste Dinge aus, während die Männer sich zur Post-Mittagessen-Siesta getrollt haben. So wird durch die Erfüllung der stereotyp hausfräulichen Rolle - nämlich, gemeinsam das Geschirr abzuspülen, während die Herren ruhen - eine subversive Nische ausgehöhlt, in der die Frauen nach dem Motto \"über andere zu reden verschafft dem Herzen Luft\" in sehr offenherzigen Gesprächen über Sex und Partnerschaft bitchen und sich über Männer lustig machen, sich letztlich aber immer auch ihrer gegenseitigen Solidarität versichern.
Satrapi konterkariert mit ihren nach wie vor Holzschnitt-artigen, nun aber großflächigeren und kaum durch Panels eingegrenzten, schlichten S/W-Zeichnungen und den recht unverblümten Äußerungen der zahlreichen ProtagonistInnen wie stets den voyeuristischen, exotisierenden Blick aus dem Westen, macht aber wie nebensächlich auch auf Themen wie arrangierte Ehen, den Zwang zur Jungfräulichkeit, bigotte Doppelmoral und Homophobie aufmerksam. In den vielen munter nacherzählten, mitunter recht tragischen Schicksalen kommt eine Vielzahl von Stimmen und Ideologien zu Wort, die für sich stehen bleiben und von der Erzählerin nur an manchen Stellen einer subtilen Wertung unterzogen werden - so setzt z. B. Marjanes Oma dem \"Problem\" des Verlusts der Unschuld vor der Ehe entgegen, Frauen könnten sich doch einfach wieder zunähen lassen, und als Rezept gegen untreue Ehemänner wird eine Aufwertung der eigenen Attraktivität durch plastische Chirurgie empfohlen. Daraus entsteht ein durchaus widersprüchliches Panorama einer wohlsituierten, liberalen iranischen Oberschicht, die die meisten WestlerInnen so wahrscheinlich nur aus Satrapis Graphic Novels kennen. Das wie immer Tollste an diesen Geschichten ist, dass die Komplexität der Themen mit feinstem bis derbem Humor überzuckert ist: So rät Marjanes Oma dieser im Prolog, sie solle wie sie selbst Opium nehmen, denn durch den dadurch entstehenden Schlafzimmerblick könne man die Männer ganz wild machen - wahrscheinlich kein Rat, den westliche Mädchen von ihren Omis besonders häufig hören.
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