David Peace

1974

18.07.2005, 16:13, Text: Michael Saager, Michael Saager

Liebeskind, 384 S., EUR 22

Schön. Ein Roman gewordenes Panorama der 70er-Jahre Englands, eine Art Psychogramm der britischen Gesellschaft möchte dieses Buch sein. Und nicht bloß ein weiterer Thriller vom Schlage massenhaft verkäuflicher Bestsellerliteratur, wie sie Thomas Harris und Val McDermid schreiben. Umso blöder, wenn das nicht hinhaut. Wenn ein paar Ambitionen erkennbar sind, aber so fadenscheinig umgesetzt wurden, dass eben doch nur übrig bleibt, was ich für meinen Teil eigentlich nicht mehr lesen mag: einen Plot mit brutalsten Morden (an kleinen Mädchen), in dem der aufklärende Protagonist - so einen gibt's ja immer - alsbald selbst um sein Leben fürchten muss, weil er sich zu weit vorgewagt hat: auf eng vermintes Terrain.

Das Buch heißt \"1974\". Und Autor David Peace stiert mich von der hinteren Umschlaginnenseite mit skeptisch-brutalem Blick an, als wollte er sagen: \"Hey, Arschloch, ich mein's ernst!\" Womit wir beim denkbar rüden Ton des Romans wären. Was ja nicht schlecht sein muss, aber verbale Härte sollte ruhig durch mehr als zwei mickrige Wörtchen sichergestellt werden. Das eine heißt \"Scheiße\", das andere \"verdammt\". Würde man sie hintereinander weg schreiben, man käme in etwa auf den Umfang einer mittellangen Novelle Arthur Schnitzlers: \"Scheiße - scheiße - scheiße. [...] Es regnete Bindfäden, verdammte Bindfäden. [...] Verdammt, verdammt, verdammt.\" (Und immer ohne Ausrufezeichen.)

Wollte ich etwas vom Autor haben - der, dies nur nebenbei, einen leidlich spannenden Thriller geschrieben hat -, dann wäre das u. a. eine Antwort auf die Frage, weshalb hier immer alle so schlecht gelaunt sind. Denn obwohl das Leben hart ist - erst recht das eines unter hohem Druck recherchierenden Gerichtsreporters - und obwohl der Konkurrenzdruck unter Journalisten in den 70ern schon groß war und die Polizei auch damals eher selten gut Freund mit der Presse, geht es dem Personal des Buches doch ziemlich gut. Anders gesagt: \"1974\" versprüht jede Menge Hass und Übellaunigkeit, gerade im stinknormalen Alltag seiner Protagonisten, aber wo die eigentlich herkommen, diese Gefühle, das verrät die Geschichte nicht. Zum Vergleich: Raymond Chandlers, Charles Willfords oder Hunter S. Thompsons Romanfiguren haben weiß Gott mehr Gründe zu fluchen, sind aber alle besser drauf. Und Humor haben sie auch noch.

Die Sätze, die Peace wie kurze, schnelle Fußtritte aufs Papier fallen lässt, sind eindeutig von James Ellroy beeinflusst. Und ähnlich wie beim amerikanischen Vorbild speist sich auch die Schattenwelt, die der Autor nach und nach enthüllt, ausschließlich aus Intrigen, Machtgier und Korruption. Das kann man mögen, realistisch ist es deswegen noch nicht. Und hinter den Morden steckt selbstverständlich auch kein solitärer Spinner, sondern, ach, das sollen andere verraten. Was gibt's noch? Ein furioses Ende blutiger Rache. Und die Frage: Wo zum Teufel versteckt sich hier die Gesellschaft der 70er?



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aus Intro #130 (August 2005)
 
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