Elfriede Jelinek

Sex und Verstörung

22.06.2005, 12:29, Text: Christopher Strunz, Christopher Strunz

\"Ich mache mir halt eine Mühe, aber egal, wie viel Mühe ich mir gebe: Ich bleibe an der Oberfläche, die aber, immerhin, das hab ich kapiert, keine Oberfläche ist\", sagt Elfriede Jelinek auf ihrer Homepage in einem Essay über das Werk von Robert Zeppel-Sperl. Mit Bildern des visuellen Künstlers veröffentlichte sie 1979 den \"hörroman\" \"bukolit\", der schon 1968 von ihr beendet worden war. Dieser Text ist im April im Berliner Taschenbuch Verlag neu aufgelegt worden. Oberfläche hört sich gut an, denn mit ihr wird Pop gemacht. Dass Elfriede Jelinek an der Oberfläche bleibt, die keine ist, zeigt, dass sie mit ihr etwas anderes vorhat, als sie nur auf die Barrikaden gegen das Elitäre von Kunst oder die prinzipielle Tiefe bedeutungsschwerer Literatur zu schicken.

Als feministische Autorin bleibt Elfriede Jelinek mit Robert Zeppel-Sperl in \"bukolit\" an der Oberfläche einer Geschichte, die von Sex handelt, ohne frauenfeindliche Pornographie eins zu eins zu reproduzieren; ein Vorwurf, der ihr wiederholt bei Veröffentlichungen wie ihrem Roman \"Lust\" gemacht wurde. \"bukolit\" ist überwiegend in Kleinschreibung geschrieben, mit Listen, einer sich wie in einer Zeitschrift oder auf einem Coupon der LeserIn zum Ausschneiden anbietenden Seite und ungewöhnlichen Spielen mit dem Schriftbild und der Zeichensetzung. Das sind sprachliche Merkmale, die geschichtlich mit der Suche nach neuen Ausdrucksformen der so genannten Wiener Gruppe und der konkreten Poesie zu tun hatten.

An der Oberfläche zu bleiben bedeutete für Elfriede Jelinek 1968 nicht allein, sich auf die Beatles und Roy Black zu beziehen - \"i love paul john george ringo\" -, sondern die Sprache von Fernsehen, Zeitungen, Heftromanen und Comics zu zitieren, das Geile an ihnen aufzunehmen und sie subversiv umzustülpen. Daran aktuell ist heute nicht allein, dass man sich aus der Distanz über vergangene Spießigkeit und Nationalismen lustig machen kann, die sie an den Körpern der Protagonisten vorführt: \"da bukolit stand wie eine eiche frei die arme den schwengel die hoden frei sinn und gemüter muszte er sich wohl oder überdrüssig seiner frau der zeitweise verdeckten widmen.\" Es ist auch nicht sonderlich provokant, nur das Obszöne ihrer Sprache und der Bilder als gegenkulturelle Provokation zu lesen. Vielmehr machen die Fickszenen zwischen bukolit und bukolita so viel Spaß und werden wie neu, weil Elfriede Jelinek im Text an der Oberfläche der Sexsprache bleibt und ständig mit sexueller Ambivalenz spielt.

Das war 1979 bei Erscheinen anders. Zumindest wurde sie anders gelesen. Vom bürgerlichen Feuilleton in der FAZ wurde bemängelt, dass Jelineks \"hörroman\" als \"Ärgernis\" verstanden werden will, der \"grobe Geschütze\" auffährt, um \"die bürgerliche Poetik zu zerstören\". Hansjörg Graf lobte den \"hörroman\" genießerisch als \"Ohrenschmaus\", tadelte die \"pseudo-pubertären Illustrationen\", erklärte, dass der \"Geschlechtstrieb\" zum \"Größenwahn\" \"degeneriert\", stellte dem Romanhelden \"bukolit\" die Optionen \"Traumbild frühreifer Mädchen\" oder \"Monster-Sexmaschine\" fragend zur Wahl und urteilte skeptisch, Elfriede Jelinek \"liquidier[e]\" \"Inhalte\" beim Freilegen von \"Phrasen und Slogans\", was eigentlich nicht weiter schlimm war, doch \"Stakkato-Töne sind dem Ohr nur begrenzt zumutbar.\" Elfriede Jelineks Stakkato-Töne töteten einen Nerv im begrenzten Ohr des deutschen Kulturjournalismus'.

Heute wirkt die Erotik in \"bukolit\" für das Bürgertum sicher wieder verstörend, wenngleich der \"hörroman\" aus dem noch dringlicheren Grund konsumiert werden sollte, dass sich nicht nur alles, was in diesem Text passiert, \"unter der Gürtellinie\" ereignet, wie der neue Klappentext die alte FAZ-Rezension zitiert, sondern mit welcher sexuellen Ambivalenz und Ambiguität Elfriede Jelinek bukolit und bukolita an der Media-Oberfläche Liebe machen lässt. Jelineks Mix zusammen mit den schönen Bildern von Zeppel-Sperl verstört. \"störung\" ist ein Wort, das mehrmals in den Text eingeblendet ist, da der alltägliche sprachliche und reale Gewalthorror gegenüber Frauen mit der Sexualisierung laufend eng zusammengeführt wird: \"auf dieses signal hin warfen kreischende vorturnerinnen denen auch sie unsere heldin angehört wenn man ihr nur zwei zähne einschlägt an einem langweiligen tag und mit dem blut das herausschießt in gleichmäßigen stößen ihre clothhose mit dem vereinszeichen bestehend aus einem südländisch dreinsehenden papagallo der unermüdlich doppelsprünge dreht den kübel mit putzlauge zu trainingszwecken um jene überschwemmte schäumend alldies woraufhin bukolit entschlossen die hosenstulpen aufkrempelt was einen überwältigenden anblick bietet und die schöne einsame entledigte sich während des folgenden handstands der uniform kichernd.\"

Dieser Horror kommt flüchtig wie nebenbei aus ihrem Sprachfluss, der doch über dreißig Jahre alt ist, direkt auf einen zu. Das ist das Verstörende.

Robert Zeppel-Sperl
Der visuelle Künstler, mit dem EJ 1968 für \"bukolit\" zusammengearbeit hat, ist am 25.02.2005 gestorben. Informieren über seine Bilder kann man sich auf der Homepage von Elfriede Jelinek sowie in dem Text \"Sergeant Pepper\", den die österreichische Autorin in der Zeitschrift profil am 25.04.05 veröffentlicht hat. Abgesehen von \"bukolit\" malte er meistens in Öl und ließ seine Bilder imposant von H. Szusisch rahmen, der nach EJ die unglaubliche Fähigkeit besitzt, den Raum für den Raum der Bilder zu schaffen, \"ohne dass er eben ein Mehr an Raum fordern würde.\"

Bukolische Literatur
Der Titel von Elfriede Jelineks \"hörroman\", der auch der Name ihres Helden ist, kann als abgewandeltes Zitat des Wortes \"bukolisch\" interpretiert werden. bukolos bedeutet auf Griechisch der Hirte. Von der Antike bis zum Rokoko identifizierten sich Poeten mit dem Hirten als Figur, die vereint mit \"den Musen\" lebt. Liebe und Natur - der verklärte Garten - wurden von dem Griechen Theokrit und dem Römer Vergil geschmackvoll angerufen. \"bukolit\" ist ein ideologiekritisch aktualisierender Zugriff auf diese idyllische Dichttradition.

Aktuelle Veröffentlichungen (Auswahl):
- bukolit. hörroman mit bildern von robert zeppel-sperl. Berliner Taschenbuch Verlag 2005
- Bambiland. Babel. Zwei Theatertexte. Mit einem Vorwort von Christoph Schlingensief und einem Essay von Bärbel Lücke. Rowohlt 2004
- Jackie. Regie: Karl Bruckmaier. Intermedium Records 2004
- Der Tod Und Das Mädchen I-V. Prinzessinnendramen. Berliner Taschenbuch Verlag 2003

Elfriede Jelineks Homepage:
http://ourworld.compuserve.com/homepages/elfriede/



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aus Intro #129 (Juli 2005)
 
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