Keiji Nakazawa

Barfuß Durch Hiroshima #1-4

21.05.2005, 09:55, Text: Matthias Schneider, Matthias Schneider

Carlsen Verlag, jeweils EUR 12
&
Baru
Wut Im Bauch #1
Edition 52, EUR 18
&
Charles Burns
Black Hole #1-5
Reprodukt, jeweils EUR 12

Das ewige Stigma, unter dem der Comic zu leiden hat, steckt schon in seinem Namen begründet: in der Klassifizierung als komisch und unterhaltsam. Immer noch von einem Großteil der potenziellen Rezipienten unbeachtet, wendet er sich jedoch längst vielschichtigeren Themen zu. Einer der Ersten, der die erzählerischen Möglichkeiten des Comics zur Darstellung autobiografischer und historischer Themen genutzt hat, ist der Japaner Keiji Nakazawa.

Als Sechsjähriger überlebte er den Atombombenabwurf auf Hiroshima und verarbeitete ab 1972 seine traumatischen Erlebnisse in dem ergreifenden und schonungslosen Manga “Barfuß Durch Hiroshima”, der erst jetzt komplett auf Deutsch vorliegt. Verbrannte Opfer und ihre von Maden zersetzten Wunden werden genauso gezeigt wie eine rücksichtslose Gesellschaft, in der sich jeder selbst der Nächste ist. Im Gegensatz zu den amerikanischen Comics, die in Reaktion auf 09/11 erschienen sind, bedient Nakazawa kein simples Feindbild. Stattdessen führt er die nachhaltigen Auswirkungen des Krieges vor Augen, wie sie bei der leicht konsumierbaren medialen Berichterstattung über Afghanistan oder den Irak ausgeblendet werden.

Auch der französische Zeichner Baru setzt sich mit selten im Comic thematisierten gesellschaftlichen Phänomenen auseinander. Die historische Spaltung der Grande Nation durch das Vichy-Regime und den Algerienkrieg stellt er in einen aktuellen Kontext mit der Front National und der Situation ethnischer Minderheiten in den Banlieues. Dies spiegelt sich in dem Aggressionspotenzial seiner jugendlichen Protagonisten wider, die sich in ihrer Verzweiflung von Familie und Clique lösen und abhauen, wie in den Alben “Lauf Kumpel” und “Autoroute Du Soleil”. Der Thematik entsprechend, hat Baru seinen eigenständigen, kraftvollen und rotzigen Zeichenstil entwickelt, der die ligne claire in ihrer Biederkeit konterkariert. Sein aktueller Comic “Wut Im Bauch” handelt von dem rebellischen polnischstämmigen Boxer Witkowski, der die Pariser Vorstadt hinter sich lassen will und all seine zornige Ohnmacht über gesellschaftliche Konventionen in den Ring trägt. Auf der Suche nach einer neuen Identität flüchtet er vor seinem Milieu, wird aber in der glamourösen Boxwelt erneut mit denselben ungerechten Mechanismen konfrontiert.

Der Amerikaner Charles Burns hingegen inszeniert die gesellschaftliche Ausgrenzung von Jugendlichen aufgrund ihrer Körperlichkeit in einer entrückten Welt aus Freaks und White-Trash-Tristesse. Auf der Suche nach Geborgenheit werden Teenager bei ihren ersten sexuellen Kontakten mit verstörenden Deformationen, in Form von Auswüchsen oder einem “Black Hole”, konfrontiert. So auch der Titel der Serie, in der Burns die Ambivalenz von Ekel und Faszination in ästhetischen Schwarz-Weiß-Bildern kongenial einfängt und eine befremdende Atmosphäre kreiert, die in ihrer Intensität an die Fumetti Neri und die B-Horrorfilme der 70er-Jahre erinnert.



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aus Intro #128 (Juni 2005)
 
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