Mike Riemel (Hg.)

Flyer Soziotope. Topographie Einer Mediengattung

21.05.2005, 09:46, Text: Jan Kedves, Jan Kedves

Archiv Der Jugendkulturen / Thomas Tilsner, 600 S., EUR 40

Jeder, der seine Nächte gerne tanzend verbringt, hat zu Hause einen Schuhkarton, in dem er die Flyer der Partys aufbewahrt, an die er sich am liebsten erinnert. Mike Riemel ist so einer. Einer, der Flyer nicht nur als Informationsträger schätzt, sondern ebenso als kleine Kunstwerke, als eigenständige Literatur – kurz: als Kultur-Artefakte, die es verdient haben, dokumentiert und analysiert zu werden. Kein Wunder, dass das Ganze bei dem Berliner seit Ende der 80er-Jahre ein wenig ausgeartet ist. Davon zeugt “Flyer Soziotope”, das Buch, das auf seinem stattlichen Flyer-Archiv basiert und diesem nun ein – wenn man so will – verdientes Denkmal setzt.

Die Unterzeile “Topographie Einer Mediengattung” unterstreicht die Ernsthaftigkeit, mit der das Thema hier beackert werden soll. So bildet “Flyer Soziotope” nicht nur eine Vielzahl von Riemels Flyern ab, welche seit 1998 bereits vom evangelischen Kirchentag in Stuttgart bis zum Goethe-Institut-Festival in Mexiko City als Wanderausstellung zu sehen waren, sondern stellt ihnen eine Reihe von Texten zur Seite – u. a. Beiträge der Intro-Autoren Martin Büsser (über die Trash-Ästhetik von Punk-Flyern Ende der 80er in deutschen Jugendzentren) und Sonja Eismann (zum Thema Sexismus auf Flyern). Sami Khatibs Beitrag “Linke Flyerkultur?” behandelt die ästhetisierungsfeindliche “Flugi”-Ästhetik der Antifa und fragt: “Schlechter Geschmack als Ausweis der reinen Gesinnung?” Jürgen Laarmann, ehemaliger Herausgeber der Frontpage sowie notorischer “Berlin Mitte Boy”, steuert einen humoristisch gemeinten Text zum Thema “Flyer richtig verstehen” bei, der mit Erläuterungen zu Punkten wie “Büffet” oder “Abendgarderobe” allerdings die Vermutung nahe legt, der Schreiber habe sich zuletzt zu häufig auf Promi-Partys und VIP-Empfängen aufgehalten.

Am interessantesten scheint so die historische Einordnung, die Oliver Schweinoch in seinem Text “Zur Geschichte des Flugblatts” versucht – von Gutenberg bis heute, vom Oppositionsmedium zum Werbezettel. Dadaisten, die Widerstandsgruppe Weiße Rose und die Studentenunruhen der 60er-Jahre reihen sich ebenso in diese Chronologie wie die illegale Raveszene Englands Ende der 80er sowie die Zigarettenindustrie.

Wie so oft bei dem Versuch, Clubkultur mit Theorieweihen zu beglücken, hinterlässt dann auch “Flyer Soziotope” einen etwas saftlosen Eindruck. Möglicherweise wird man ein Projekt wie dieses erst rundum zu schätzen wissen, wenn Flyer irgendwann gänzlich durch E-Mail-, SMS- oder andere digitale Einladungsformate ersetzt worden sind. So lange erinnert es ein wenig an die Gegenfrage, mit der Miss Kittin zuletzt die Theoriewucht des “Gendertronics”-Bandes (Suhrkamp) aufzubrechen versuchte – “When was the last time you sweat on a dancefloor?” –, wenn Jana Bendig in ihrem Beitrag “Zur Psychologie des Flyers” die banale, aber doch treffende Gleichung notiert, die sie bei ihrer Recherche im bunten Zettelwald aufgeschnappt hat: “Ein Flyer kann nur gut sein, wenn die Party gut ist.”



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aus Intro #128 (Juni 2005)
 
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