Craig Clevenger

Der Geniale Mister Fletcher

21.05.2005, 09:40, Text: Michael Saager, Michael Saager

Aufbau, 315 S., EUR 18,90

John Dolan Vincent, 28 Jahre alt, hat einen vollständig ausgebildeten, überzähligen Finger an seiner linken Hand, ist mathematisch überdurchschnittlich begabt, hat ein fotografisches Gedächtnis, ein ausgewachsenes Drogenproblem und tauscht seine Identitäten schneller, als andere Menschen fremde Fußspuren im Treppenhaus wegwischen. John ist der Ich-Erzähler in Craig Clevengers Debütroman “Der Geniale Mister Fletcher”, über den sich der Schriftsteller Chuck Palaniuk (“Fight Club”) zu folgendem Satz hinreißen ließ: “Bei Gott, das ist mit Abstand das beste Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe.” Man könnte gehässig noch eins draufsetzen: Es ist das Buch, das Palaniuk gerne selbst geschrieben hätte, weil er es so aufregend rund bislang nicht hinbekommen hat.

John ist genau die Sorte “abgefuckter Außenseiter”, von denen sich auch Palaniuk schon einige hat einfallen lassen; Palaniuk und auch George Saunders, Denis Johnson, Walter Kirn, David Foster Wallace und so weiter.

Die jüngere amerikanische Gegenwartsliteratur wimmelt nur so von dieser seltsamen, hochintelligenten, sich meist wie im Fieberwahn fortbewegenden, rhetorisch geschickten (oder quasseligen), von endzeitlichen Gedanken getragenen hetero-männlichen Heldensorte, die zwar meistens geopfert wird, aber niemals fieser Antiheld ist – ihr Leben in der beschissenen (Roman-) Gesellschaft ist schließlich furchtbar genug, zum melancholischen Liebhaben sympathisch sollen die jungen Männer da wenigstens sein (Ausnahmen bestätigen die Regel). Nichts dagegen einzuwenden. Erst recht nicht, wenn durch diese literarischen Typen raffinierte Geschichten erzählt werden, wie in “The Contortionist’s Handbook” – so der viel treffendere Originaltitel von Clevengers Roman.

In dramaturgisch geschickten Sprüngen erzählt uns Clevenger alles über Johns cooles, jämmerliches, bewegtes, hochspannend zu lesendes Leben, das er führt wie ein permanent gehetztes Tier: Übervorsichtig und leicht paranoid, immer auf der Flucht vor der Psychiatrie, dem Gefängnis, vor zwielichtigen Typen, die aus seinen genialen Fälscherfähigkeiten Kapital schlagen wollen, erfindet er sich dauernd neu. Die andere Seite der Flucht ist die Suche, und John, den wir die längste Zeit als Danny kennen, sucht, na, was schon: die Liebe. Bei einem derart unsteten Leben, das aufgrund regelmäßig wiederkehrender rasender Kopfschmerzanfälle genauso regelmäßig in einer bösen Überdosierungsorgie mit Schmerzmitteln endet, ist das fragile Konstrukt Liebe allerdings andauernd in akuter Lebensgefahr. Jene Anwesenheit permanenter Gefahr ist es auch, die der Autor den Leser deutlich spüren lassen möchte. Und tatsächlich: Es ist regelrecht zum Mitschwitzen, wenn der Kokainrausch plötzlich versandet, die nächste Schmerzwelle anrollt, der Gegner auf einmal unberechenbar scheint. Nebenbei ist “Der Geniale Mister Fletcher” eine ganz passable Anleitung für die eigene kriminelle Karriere, sofern es denn eine sein darf.



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aus Intro #128 (Juni 2005)
 
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