Uwe Tellkamp

Der Eisvogel

24.03.2005, 14:39, Text: Sonja Eismann, Sonja Eismann

Rowohlt Berlin, 318 S., EUR 19,90

“Ich hasse meine Zeit. Ich hasse sie, weil sie Leute wie mich hasst”, erklärt Wiggo Ritter, Protagonist des neuen Romans des Bachmann-Preisträgers 2004, und man fühlt bereits, dass das bürgerliche Feuilleton den ostdeutschen Autoren für sein sprachgewaltiges, pathetisch die Fragen der menschlichen Existenz aufwerfendes und darin zutiefst männliches Werk lieben wird. Polyphon schlingen sich die Stimmen der AkteurInnen, die im Rückblick vor einem Gericht von einem schrecklichen Todesfall berichten, umeinander, und der Philosoph Wiggo tritt als renitenter, wertkonservativer “Modernisierungsverlierer” hervor, dem sein jetsettender Bankiersübervater alles ermöglichen wollte und ihm und seiner Generation doch nichts übrig gelassen hat.
Der gescheiterte Weise, für den die moderne Gesellschaft keine Verwendung hat, schließt sich einer konservativen Geheimorganisation an, deren charismatisch-wahnsinniger “Führer” einen blutigen gesellschaftlichen Umsturz plant. Dass die Reichen in Tellkamps Buch stets superreich und korrupt sind, die Frauen immer fatal und wunderschön und die Gelehrten natürlich so überklug wie tragisch, geht oft bis an die Schmerzgrenze und ist in seinem Pathos kaum zu ertragen. Mit der exemplarischen Schilderung eines immer größer werdenden akademischen Proletariats, für das trotz bester Ausbildung einfach kein Bedarf mehr ist, beißt Tellkamp allerdings auf einen bloß liegenden Nerv. Und seine Sprache, mag man sie auch für überladen, antiquiert und prätentiös halten, ist mit ihren lyrischen, bildhaften Qualitäten in jedem Fall bemerkenswert.



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aus Intro #126 (April 2005)
 
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