Thomas Brussig

Wie Es Leuchtet

02.02.2005, 16:16, Text: arno raffeiner, arno raffeiner

S. Fischer, 607 S., EUR 19,90

Seit nunmehr 15 Jahren fordert die deutsche Literaturkritik den ultimativen Wenderoman ein, und fast ebenso lang bekommt sie Angebote zur Genüge, zeigte sich aber noch nie zufrieden. Thomas Brussig scheint sich zum runden Jahrestag des Mauerfalls mit ›Wie Es Leuchtet‹ einmal mehr bemüht zu haben, diesem Wunsch gerecht zu werden – und das, obwohl er schon mindestens eineinhalb Wenderomane abgeliefert hat. Brussig wählt die ganz breite Perspektive auf die Zeit einige Wochen vor dem Mauerfall bis zum Sommer 1990 mit einer Unzahl an Charakteren, die sich schnell im Unüberschaubaren verliert.

Mit Anspielungen an die Chaostheorie will er den Umwälzungen beikommen, das Ineinandergreifen der vielen Personen und Geschichten soll durch das »Flirren und Flimmern der Zufälle« ein Gesamtbild der Zeit zum Leuchten bringen. Die ambivalente Stimmung, die er dabei einfängt – das Zwitterwesen seiner zwischen Sozialismus-Vergangenheit und Kapitalismus-Diktat zerrissenen Figuren, ihre Unsicherheit, ja, Angst vor der neuen Freiheit –, scheint durchaus einleuchtend, und doch geht das ganze Buch irgendwie daneben. Es findet sich kaum mehr eine Spur des Humors, der sich bei Brussig aus skurrilen Übertreibungen und Verzerrungen speist und seine anderen Bücher so lustig und traurig, so wirklich und so gut machte. Alles wirkt ernst, steif und – besonders schlimm – bemüht aneinander gestückelt. Das Beste ist noch der lakonische Ton, mit dem die Veränderungen beschrieben werden: etwa, wie desillusionierend der Westen schon am ersten Tag nach dem Mauerfall erlebt wird oder wie sich ein zu Recht hoffnungsvoller Jungautor überfordert und geblendet von den neuen Möglichkeiten in den Tod statt in ein neues Leben stürzt.



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