Junges Licht
21.12.2004, 18:20, Text:
Michael Saager,
Michael Saager
Suhrkamp, 237 S., EUR 19,80
Ralf Rothmann hat es wieder getan. Der fernste und zugleich naheste Ort, der Ort der Kindheits- und Jugenderinnerungen, lässt ihn nicht los. Nach seinen Romanen ›Stier‹, ›Wäldernacht‹ und ›Milch Und Kohle‹ ist ›Junges Licht‹ der vierte in einer losen Reihe, dessen Geschichte der seit knapp dreißig Jahren in Berlin lebende Autor eben dort ansiedelt, wo er aufgewachsen ist. Vermutlich trifft es auch auf den Schriftsteller Rothmann zu, dass er nur zu gerne auf einen stabilen Rahmen zurückgreift, auf etwas, das Teil des Erfahrungsgedächtnisses ist. Eine Art emotionales Erinnerungsbett für die Fiktionen, die anschließend darin ausgebreitet werden.
›Junges Licht‹ spielt abermals im Ruhrpott, in den 60ern.
Im Gegensatz zu ›Stier‹ und ›Wäldernacht‹ – Bücher, in denen Rothmann das Leben seiner Protagonisten auf einem längeren Zeitstrahl entfaltet – ist ›Junges Licht‹ ein Roman von größter zeitlicher Begrenztheit. Aus der Ich-Perspektive des zwölfjährigen Julian, den alle Juli nennen, erzählt Rothmann vom letzten Sommer einer Kindheit, genauer vom Spätsommer, denn es ist August, und Juli hat Sommerferien. Was nach der Kindheit kommt, das wissen wir – die Pubertät. Aber Juli ahnt das erst. Anders als seinen Altersgenossen wächst ihm noch keine Schambehaarung. Und die sexuell aufgeladenen Koketterien der um drei Jahre älteren Nachbarstochter Marusha irritieren ihn zwar, aber wenn sie ihn augenzwinkernd »ganz schön versaut« nennt, dann versteht Juli noch nicht so richtig, wie sie es meint. Der Doppelsinn ihrer Worte, die zwar ihn als versaut bezeichnen, aber letztlich auf ihre eigene Triebhaftigkeit verweisen, muss ihm entgehen, weil seine Transformation erst beginnt.
Es ist ein nicht zu unterschätzendes Verdienst des Romans, genau diese Schwelle zum Erwachsenwerden mit all ihrer überdeutlichen Undeutlichkeit (oder umgekehrt) in frappierend lebendige Dialoge, bildhafte Stimmungen von Unsicherheit und Ängstlichkeit, vor allem aber in Beschreibungen zu fassen, die zu keinem Zeitpunkt den Status des Unfertigen verlassen: Juli reflektiert, obwohl er sich im Imperfekt an diesen Sommer erinnert, also schon älter sein muss, seine Veränderung nicht als Veränderung. Der Roman verweigert die Selbstpsychologisierung seines Helden – ein geläufiger literarischer Kniff, der jedoch dafür sorgt, dass die Dinge ungesagt gesagt werden, was natürlich viel subtiler und schöner ist.
Doch ›Junges Licht‹ erzählt nicht nur vom sommerlich adoleszenten Treiben Julians auf Weizenfeldern und im »Tierclub«. Wie zuvor ›Milch Und Kohle‹ ist auch dieses Buch Rothmanns ein Milieu- und Familienroman. Der Vater, ein wortkarger Bergmann, ist zuallererst Ernährer. Die Mutter führt zu Hause ein leicht hysterisches Regiment mit dem Kochlöffel über Julians Körper und »Golddollar« im Mund. Außer reproduktiven Notwendigkeiten und gemeinsamen Genen verbindet diese Familie eher wenig. Mit Ausnahme einer Sache: Sie heißt Marusha. Und nicht bloß Julian fühlt sich von ihr angezogen.
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