
Tim Winton
Der Singende Baum
18.11.2004, 17:10, Text:
Michael Saager,
Michael Saager
Luchterhand, 477 S., EUR 24
Während der westaustralische Autor Tim Winton ›Der Singende Baum‹ (engl.: ›Dirt Music‹) schrieb, saß er u. a. in einer Höhle in der Kimberley-Region. »Sehr viele Krabben kamen mich besuchen, aber sonst war es okay«, erzählte er der NZZ. Und über seine Zeit an einem Klapptisch mitten in der Wüste sagte er: »Dort sieht man sich in ganz anderen Relationen. Ich fühlte mich wie ein Insekt.« Nicht unbedingt wie ein Insekt, aber eben doch ziemlich winzig fühlt man sich bei der Lektüre dieses Romans. Schnell erscheint einem das eigene Leben wie ein klitzekleiner Krümel, kaum der Rede wert. Aber natürlich weiß man, dass man (wieder einmal) nur der eigenen Sehnsucht erlegen ist.
›Der Singende Baum‹ beginnt in White Point, einem kleinen Fischerdorf in Westaustralien, mit einer Gestrandeten, mit Georgie Jutland, die an der Seite eines wahren Alphawolfes, dem mächtigsten Fischer des Dorfes, lebt, weil ihr nichts Besseres einfällt. Um Liebe geht es da nicht. Um die Liebe geht es erst, als sie Luther Fox, einen schwer traumatisierten Outlaw aus der Gegend kennen lernt. Luther weiß nur zu gut um die lebensbedrohliche Brutalität der White-Point-Fischer, aber er wildert trotzdem oder gerade deshalb in ihren Fanggründen. Das Verhältnis der beiden fliegt auf, das Wildern auch, die Vergangenheit nagt immer schlimmer, und so macht Luther, dass er wegkommt. Nach einer Weile on the road verbannt er sich in die nordaustralische Sumpf- und Tropenlandschaft. Als eine Art Robinson Crusoe versucht er Frieden zu finden, verwildert zusehends und magert gefährlich ab, während Georgie vorerst in White Point bleibt. Es ist nicht ihre beste Zeit.
All das – mehr zu verraten wäre nicht nett – klingt platter, als es in der Lesewirklichkeit ist. Mit viel perspektivischem Erzählgeschick und einem enormen Gespür für den richtigen Schnitt verzahnt Winton zwei parallel geführte Haupthandlungen und eine Reihe von Nebenhandlungen. Er wechselt einfallsreich die (literarischen) Genres: Melodram, Road-Novel, Abenteuerroman, surrealer LSD-Trip. Seine Protagonisten, die er zwar hart rannimmt, aber nicht opfert, weil er sie dafür zu sehr liebt, sind von einer fast schon unheimlichen Lebendigkeit. Vor allem aber kann Winton schreiben: leidenschaftlich und poetisch. Und ein Grund für dieses Fest der Sätze ist sicherlich die australische Landschaft. Sie ist das erhabene Dritte des Romans, Wintons große Liebe. Sinnlich erfahrbar wird sie auf nahezu jeder Seite. Sie ist schroff, wunderschön und unendlich weit. Auch deshalb ist der Roman so groß und der Leser ganz klein.
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