
Marie-Luise Scherer
Der Akkordeonspieler. Wahre Geschichten aus vier Jahrzehnten
23.08.2004, 11:29, Text:
Michael Saager,
Michael Saager
Eichborn, 407 S., EUR 27,50
Eines haben die Rezensenten sämtlicher Tageszeitungen gemein, wenn sie über Marie-Luise Scherer schreiben: Sie kommen ins Schwärmen und hören nicht mehr auf damit. Hat man einen Blick in die von Hans Magnus Enzensberger zusammengestellte Anthologie ›Der Akkordeonspieler‹ geworfen, weiß man, warum das so ist. Scherers Reportagen, diese ›Wahren Geschichten Aus Vier Jahrzehnten‹, sprudeln über vor dichten Beschreibungen; sie sezieren und verzaubern zugleich. Die Wahrnehmungsfähigkeit der ehemaligen Spiegel-Autorin ist fast schon monströs. Gleich, ob ihre Texte in das Sperrgebiet der ehemaligen DDR oder das Paris Prousts führen, ob sie aus einem Wanderausflug en passant das Leben Berlin-Charlottenburgs extrahieren oder den jungen RAF-Anwalt Schily als einen schon damals mit der Linken fremdelnden Mann portraitieren, vor allem was seinen Habitus anbelangt, die Attraktion von Scherers Reportagen liegt immer in ihren Sätzen selbst: Soziologisch distanziert bei größter psychologischer Nähe krallt sich jeder einzelne von ihnen in jedes scheinbar noch so nebensächliche Detail.
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