Thomas Meinecke

Musik

23.08.2004, 10:58, Text: Ina Freudenschuss, Ina Freudenschuss

Suhrkamp, EUR 19,80

»Keine große Bewegung ohne große Musik.« So lautet das Resümee des Filmers Joel Katz in seiner Dokumentation ›Strange Fruit‹. Die 33-jährige Autorin Kandis in Thomas Meineckes neuem Roman ›Musik‹ findet diesen Satz gut und sinnt über dessen Umkehrung nach. Auch nicht schlecht. Dabei gilt ihr Hauptinteresse eigentlich dem »weiblichen Schreiben« – nicht zuletzt deshalb, weil sie selbst eine Schreibende ist – und den Figuren ihres eigenen Romans, die sich dadurch qualifizieren, am selben Tag Geburtstag zu haben wie sie selbst. Ihr Bruder Karol ist ihr bei den Recherchen behilflich, wenngleich er eigentlich über die mannigfaltigen Umdeutungen vergangener und aktueller Musiken nachdenkt.

Wie schon in anderen Romanen des Musikers und Radiomoderators Thomas Meinecke wird die Handlung durch Korrespondenz zwischen befreundeten Menschen in Bewegung gebracht. In diesem Fall sind es Schwester und Bruder, die sich austauschen über Claudia Schiffers Schauspielerei, Michael Jacksons Album ›Invincible‹, Nietzsches Nutzen für den Feminismus, Wagner und das bewegte Leben von Lola Montez, der Geliebten von Ludwig I. Der/die LeserIn wohnt dem unbändigen Wissensdurst der ProtagonistInnen bei und durchsaust im Fokus des Geschwisterpärchens 200 Jahre Kulturgeschichte: Rock fucks, Disco sucks, lautet ein weiteres Resümee in den Notizen der Fans.

Wie überhaupt die Begeisterung aller Beteiligten für Disco immer wieder zum Ausdruck kommt: Disco als Modell, das bereits in den 70ern »Realness« als gesellschaftlich konstruiert vorführte, als diese akademisch noch »vordiskursiv« abgehandelt wurde. Und Karol, der immer wieder auf die Verbindung von queeren Musiken und Katholizismus stößt. Kein Zufall, dass Papst Johannes Paul II auf denselben Vornamen hört.

Um Musikstile so zu lesen, braucht es Wissen, oder wie es Kandis an anderer Stelle ausdrückt: ein Bewusstsein für Geschichte – etwas, das Thomas Meinecke seit Jahrzehnten auch in seine Musik mit einbezieht. Bei F.S.K. möchte man glauben: Musikalische und theoretische Referenzen ersetzen die nicht verstandenen Noten. In seinen Büchern dienen sie dazu, die Gegenwart erstaunlich zu protokollieren. Ohne Anspruch auf einen höher geordneten Sinn, weiß zumindest Meineckes Protagonistin Kandis über ihren eigenen Roman.

Den Geschlechterverhältnissen weist Meinecke wieder einen relevanten Marker zu, nachdem sie bereits in seinem vorletzten Roman ›Tomboy‹ gelesen wurden. In ›Musik‹ geht es aber auch – zur titelgebenden Thematik passend – um die männliche Identität und ihr Auskommen in einer als konstruiert enttarnten heterosexuellen Welt. Karols schwuler Freund Felix gibt einen schönen Denkanstoß über die Zukunft der Männlichkeit und die neue Flüchtigkeit ihrer Anerkennung: Von seiner Traumhochzeit schwärmend, macht er den Standesbeamten zum queeren Vollstrecker: »Ich ernenne euch zu Männern.« So gesehen etwas Erhabenes.



Artikel kommentieren
aus Intro #120 (September 2004)
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
Anzeige