
David Mitchell
Chaos
23.08.2004, 10:24, Text:
Michael Saager,
Michael Saager
Rowohlt, 592 S., EUR 24,90
Auf dem Buchrücken von ›Chaos‹, dem 600-Seiten-Ziegelstein des britischen Autors David Mitchell, schwärmt die Schriftstellerin Antonia S. Byatt: »Dies gehört zu den besten Büchern, die ich je gelesen habe.« Natürlich lügen Schriftsteller wie gedruckt, wenn es darum geht, Nachwuchsautoren zu featuren. Aber das superlativische Lob Byatts hat es in sich. Man ist neugierig und wird noch neugieriger, wenn man liest, dass The Guardian das Buch für ein »erstaunliches Modell« »der Literatur des 21. Jahrhunderts« hält. Ein Modell, ein Prototyp, ein Versprechen.
Um die Zukunft in der Gegenwart geht es in ›Night Train‹, im vorletzten Prosastück dieses »Roman(s) in neun Teilen«.
Um die gute alte (Kant’sche) Ethik dreht sich diese Dialog-basierte, flott geschriebene Geschichte im Subtext. Neu ist das literarische Programm Mitchells in diesem Punkt also nicht, aber durchaus engagiert in seiner Haltung zu Dingen wie Macht und Herrschaft. Es verbindet die Frage »Wie soll ich handeln?« mit einer anderen, eng verwandten: »Wie sich überhaupt zurechtfinden angesichts komplexer globaler Realitäten?« Und es ist vor allem dieses fragende Umherirren, das die meisten der ziemlich vereinzelten und daher häufig innerlich monologisierenden Protagonisten vereint. Mitchell hat sie auf dem Globus verteilt, und natürlich sind ihre Geschichten stets Teil der Kultur, aus der heraus sie erzählt werden. So bastelt man Weltliteratur im Zeitalter der Globalisierung und Individualisierung, deren Ambitioniertheit man aber leider etwas zu deutlich spürt.
Da gibt es den japanischen Sektierer und Terroristen, die alte chinesische Frau, die unter verschiedenen Herrschaftssystemen gelitten hat, einen Petersburger Kunstfälscher und einen mysteriösen Londoner Ghostwriter. Mitchell »spricht« die Figuren, durchaus überzeugend, mit verschiedenen »Stimmen« und hängt die Geschichten – kaum spürbar eigentlich – mit ein paar Sätzen lose ineinander. Das wiederum gibt Autor und Verlag die Möglichkeit – gewiss ein Verkaufsargument –, ›Chaos‹ einen »Roman« zu nennen. Der Guardian hat die Kröte geschluckt und freut sich über die angeblich zukunftsweisende »Nicht-Linearität« dieser »Novel«. Wie schön.
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