J.M. Coetzee

Elizabeth Costello

21.07.2004, 13:21, Text: Michael Saager, Michael Saager

S. Fischer, 288 S., EUR 19,90

Letztes Jahr erhielt der Südafrikaner J. M. Coetzee den Literatur-Nobelpreis. Zu Recht. Selten war Prosa präziser und so randvoll mit wichtigen Fragen. Bohrende Fragen, die in den Romanen ›Schande‹, ›Warten Auf Die Barbaren‹ und ›Leben Und Zeit Des Michael K.‹ auf eine große hinauslaufen. Sie lautet: Wie soll man leben im Angesicht permanenter Bedrohung, im Schlagschatten des Todes? Coetzees Literatur beantwortet diese Frage nicht. Und bleibt doch keine Antwort schuldig. In der Begründung für seine Nobilitierung stellte die schwedische Akademie fest, der Autor interessiere sich vor allem für Situationen, wo sich »die Unterscheidung von richtig und falsch als unbrauchbar erweist, obwohl sie kristallklar ist«.

Unbrauchbar deshalb, weil die soziologische Genauigkeit und psychologische Tiefe, mit der Coetzee – in ›Schande‹ am Beispiel Südafrikas nach dem Ende des Apartheid-Regimes – gewaltgesättigte Machtverhältnisse analysiert, dafür Sorge tragen, dass man versteht, anstatt zu verurteilen. Was nicht heißt, man müsste mit seinen Protagonisten deshalb weniger leiden. Mit ›Elizabeth Costello‹ nun hat der Autor eine durchaus streitbare, widersprüchliche und hochmoralische Figur erschaffen, deren Probleme allerdings, verglichen mit den dunklen existenziellen Problemlagen früherer Figuren, ein wenig papieren und blutleer erscheinen. Was möglicherweise enttäuscht, aber nicht weiter verwundert, denn Elizabeth Costello ist nun mal eine gut situierte, berühmte australische Schriftstellerin in den Mittsechzigern. Etwas einsam, hochgebildet, rechthaberisch, mitunter streitsüchtig, voller Zweifel, häufig müde, unsicher, immer noch auf der Suche. Und natürlich auch furchtsam im Angesicht eines gar nicht so fernen Todes. Das Buch speist sich aus Vorträgen Costellos, ihren Essays und öffentlich ausgetragenen akademischen Diskussionen. Die Schriftstellerin streitet über Humanwissenschaften in Afrika oder über den modernen Roman; sie sinniert über das Böse in der Literatur und wirft sich mit listiger Verve, den so provokativen wie fragwürdigen Holocaust-Vergleich in der geballten Faust, in einen Schlagabtausch über Missbrauch und Rechte der Tiere. Erwartungen wie an einen Coetzee-Roman sollte man an das Buch nicht herantragen. Dann nämlich vermisst man die thematische Stringenz, Spannungsbögen und vieles mehr. Mit seiner überbordenden akademischen Diskussionskultur, dem bewusst inkonsistenten, fragmentarischen Portrait der Protagonisten will ›Elizabeth Costello‹ aber ohnehin etwas anderes sein. Vermutlich so etwas wie ein intellektueller Kommentar zu den Möglichkeiten des Subjekts in seinem fortdauernden Werden. Er stellt die Frage »Wie soll ich leben?« aus schriftstellerischer Perspektive. Für ihre Beantwortung auf die abendländische Vernunft zu setzen kommt Costello freilich nicht in den Sinn. Wenn sichere Überzeugungen der Reihe nach versagen, muss Platz bleiben für die Intuition, oder, wie Costello es sagt, für das »Herz«.



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aus Intro #119 (August 2004)
 
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