Wo Das Wasser Am Tiefsten Ist
23.06.2004, 16:49, Text:
Michael Saager,
Michael Saager
Steidl Verlag, 240 S., EUR 16
»Jedes Mal, wenn die glücklich verheiratete Frau wegfuhr, fragte sie sich, wie es wohl wäre, mit einem anderen Mann zu schlafen.« Es ist der erste Satz in Claire Keegans Kurzgeschichtenband ›Wo Das Wasser Am Tiefsten Ist‹. Ein schöner Satz: Er enthält Alltag, Routinen, Liebe und Wünsche. Er stellt das Vorurteil, dass ein Seitensprung erst dann Wirklichkeit wird, wenn die Beziehung bereits am Erlöschen ist, ganz beiläufig in Frage. Er enthält eine ganze Welt, so wie viele Sätze der nachfolgenden Geschichten. Darüber hinaus erzeugt er Spannung: Er weist die Richtung, verrät aber nicht, wo es langgeht.
Hat man eine Hand voll der sechzehn Geschichten gelesen, weiß man bereits sehr viel über die Autorin: die Art, wie sie erzählt, und worum es ihr geht.
Würde man jetzt erst die Eingangsgeschichte ›Antarktis‹ lesen, hätte man von Anbeginn an eine dunkle Ahnung von der Katastrophe, mit der die Verwirklichung des Wunsches wohl einhergehen wird. Aber schockiert wäre man trotzdem von der Vehemenz realer Gewalt am Ende des sinnlichen Traumes. Das ist etwas, was diese und viele andere Geschichten der irischen Autorin so gut macht: Sie überraschen – obwohl man ohnehin mit dem Schlimmsten gerechnet hat. Eine Frage der Bilderauswahl und der Melodie ihrer Worte, der sanft ansteigenden Spannung und der Leerstellen im Erzählten, die sie lässt: für die Fantasie, für das selbständige Hineinkriechen in menschliche Abgründe.
Die meisten Geschichten spielen auf Farmen in Irland, in den Sümpfen Louisianas, in unbedeutenden englischen Vororten. Die Autorin ist selbst auf dem Land aufgewachsen. Möglich, dass ihr der glaubwürdige Zugang zu den spezifischen Problemlagen dieser Milieus auch deshalb wie selbstverständlich gelingt. Alles wirkt sehr echt, hochdramatisiert zwar, aber gewissermaßen dem Leben abgeschaut. Häufig sind es stumm hingenommene Schwierigkeiten, schweigend ausgetragene Konflikte oder schwere Enttäuschungen, die Partnerschaften und Familien ins Wanken bringen. Das ist selbstverständlich nicht typisch ländlich; dass eine Ehefrau nach einer Vielzahl gescheiterter Selbstbehauptungsversuche kurzzeitig die tyrannische Dominanz ihres Mannes in Frage stellt, indem sie und nicht – wie sonst – er den Wagen über die Hofeinfahrt lenkt, hingegen schon.
Keegan wurde unter anderem mit Raymond Carver verglichen, was nur zum Teil Sinn macht: Genau wie Carver hat sie einen Blick für das Detail, das eine Welt bedeuten kann, sowie für die lebendige Zeichnung der Figuren mit wenigen Worten. Und natürlich für das Scheitern im Leben. Jedoch: Abgesehen davon, dass sie spannender und perspektivenreicher erzählt, hat sie auch weniger Vergnügen an bleierner Ausweglosigkeit als ihr amerikanischer Kollege: Als Frank, von seiner Frau für das von ihm verschuldete Verschwinden der neunjährigen Tochter monatelang mit eisigem Schweigen bedacht, endlich von ihr angeschrieen wird, fühlt er sich beinahe befreit: Er denkt: »Es ist ein Anfang. Besser als nichts.«
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