Benjamin Prado

Als Einer Von Uns Laura Salinas Töten Wollte

26.05.2004, 16:18, Text: Michael Saager, Michael Saager

Luchterhand, 192 S., EUR 19,-

Der Erzähler im jüngsten Roman von Benjamin Prado duldet keinen Widerspruch. Sein Ton ist arrogant und hart. Er, der Allwissende, diktiert die Regeln des Spiels. Und verschweigt beharrlich seine Identität. Wenn »Ihnen (diese Regeln) nicht passen«, sagt er gleich zu Beginn, »dann sollten Sie jetzt besser aufhören zu lesen, Laura Salinas vergessen, sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern und mir nicht die Zeit stehlen.« Die Zeit stehlen? Nicht doch. Seine Einladung ist reizvoll, vorausgesetzt, man kann der Idee, bald Teil eines literarischen Spiels zu sein, etwas abgewinnen. Dieses Spiel hat in ›Als Einer Von Uns Laura Salinas Töten Wollte‹ die Form eines Rätsels.

Eines Rätsels mit verschiedenen Verzweigungen, wohl kalkulierten Finten, pointierten Abschweifungen und doppelten Böden. Eines Rätsels mithin, das die Literatur, das Schreiben selbst zum Thema macht, was die Fallhöhe am Ende des Romans noch einmal steigert. Prado hat also seinen Italo Calvino gelesen. Ein Freund von Krimis ist er auch. Die Fragen Was geschah wirklich? Wer (zur Hölle) ist Laura Salinas? Wer benutzt hier wen und warum? situieren sich bohrend um einen Mord. Der Mörder ist bekannt, er heißt Alcaén Sanchez. Er ist der tragische Held der Geschichte. (Dass hier ein Mord geschieht, verschweigt der Rezensent übrigens nur deshalb nicht, weil es sowieso auf dem Buchrücken steht.) Sanchez’ psychologische Motivation ist so alt wie die Kriminalliteratur selbst: Die Liebe zu einer wunderschönen, geheimnisvollen Frau lässt ihn blindlings zum Mörder werden. Natürlich weiß der Autor, dass er hier ein uraltes Klischee bedient. Aber er bedient es klug: Er setzt es ein wie ein Zitat, das ohnehin nur Teil seines boshaft-eleganten Literatur-Spiels ist. Zudem fängt mit dem Mord der Spaß erst richtig an. Für den Spuren suchenden Leser jedenfalls, für Sanchez hingegen ist er nach der Tat so gut wie vorbei. Eine doppelte Schlinge zieht sich um seinen Hals. Begonnen hatte alles ganz harmlos: Sanchez, ein kleiner Angestellter einer Versicherung, liebt den Schein vermögender Größe. Elegant ausstaffiert, schaut er sich zum Verkauf stehende Villen an und mimt den interessierten Käufer. Dabei lernt er Laura Salinas kennen. Und sitzt in der Patsche: Wie kann sie ihn noch lieben, wenn sie weiß, wer er wirklich ist? Er beschließt, die Versicherungsgesellschaft auszurauben. Schließlich verliert er Laura, gewinnt sie aber etwas später wieder zurück. Und mit ihr das Problem eines gewalttätigen Ehemannes ... Das »uns« im Titel deutet an, dass Sanchez nicht der einzige Handlungsträger ist. Er hat zwei Freunde, mit denen er abends gemeinsam in der Bar sitzt, trinkt und still zuhört, wenn die beiden jene Geschichten erfinden, die bald Teil eines Romans werden sollen. Als Material dient ihnen alles, was sie zu fassen bekommen. Einer von den dreien ist der Erzähler, nur wer? Vielleicht ist er auch derjenige, der Laura Salinas töten wollte. Es ist gar nicht so leicht, das vor Ende des Romans herauszufinden.



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aus Intro #117 (Juni 2004)
 
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