Körper In Extremsituationen
21.04.2004, 15:50, Text:
Michael Saager,
Michael Saager
KiWi, 243 S., EUR 8,90
Schmerz und Liebe sind einander ähnlich: Beide definieren durch sie strukturierte Situationen als etwas Extremes, als etwas, dem man nicht entrinnen kann. Und beide erzeugen Blindheit für anderes. In einer extremen Lage oder Situation befindet sich auch der Körper im Sex: Es hat durchaus etwas Ungeheuerliches an sich, sich einem anderen Menschen hinzugeben. Im Sex überschreitet der Körper eine psychophysische Grenze. Und gibt dabei etwas nach, was zweifellos zu einem gehört, aber irgendwie auch nicht – dem Sexualtrieb. Sehr seltsam, sehr extrem.
Um ›Körper In Extremsituationen‹ geht es im gleichnamigen Debüt-Erzählungsband des amerikanischen Autors Steve Almond.
Keine der dreizehn äußerst lebendig und spannend erzählten Storys hat nur am Rande mit Sex zu tun. Außerdem geht es meist um Liebe und auch um Schmerz. Häufig um den Schmerz der Erinnerung an etwas aufregend Schönes, das wieder vorbei ist. Und was nun in melancholisch-zärtlichen Worten und in einer mitunter selbstironischen Weise des Betrachtens, die ihrerseits auf eine gewachsene Distanz zum Geschehen verweist, Gegenstand einer reflektierteren Gegenwart wird. Keines der Erzähler-Ichs scheint im Hier und Jetzt glücklicher, aber alle sind ein bisschen schlauer als zuvor. Almond lässt sie am Ende ihrer Vergangenheitsbegehung in einem den Leser einschließenden Kommentar mitunter Bilanz ziehen. Was wirklich nicht nötig gewesen wäre. Das Verfahren erklärt den Leser für blöd und versaut den Nachklang eines traurigen Endes.
Der 34-jährige David ist besessen von der 22-jährigen Ling. Sie haben großartigen Sex. Stundenlang. Ihre Körper suchen einander. Aber sonst gibt es nur wenig zu sagen. Die Unterschiede, auch die des Alters, sind zu groß. Billy ist ein aufrechter Demokrat, Darcy eine Republikanerin im Wahlkampf. Sie lieben sich sehr, gerade weil sie einander nicht richtig verstehen, vielleicht sogar ein wenig hassen. Alles ist gut, solange sie nicht über Politik reden. Am besten läuft es im Bett: »Der Körper entlädt seine elektrische Spannung, verschmilzt mit einem anderen, und in dieser gemeinsamen Lust ist so etwas wie Gott. Aber danach müssen in der stillen, duftenden Atmosphäre auch Wahrheiten ausgetauscht werden. Und so vertieft sich das Geheimnis der Liebe.« Oder eben auch nicht.
Anders als in Adam Thirwells Roman ›Strategie‹, wo Sex das traurig dreinschauende Opfer zu vieler Gedanken ist, erscheint Sex in Almonds Geschichten als etwas, das fast zu gut gelingt, um wahr zu sein. Die ProtagonistInnen sind stets wahnsinnig geil aufeinander, wollen alles miteinander tun, und können das auch. Diese Utopie vom immer nur großartigen Sex wird allein erträglich durch das Scheitern der Beziehungen, die den Sex einschnüren wie ein zu enges Kleid. Einigermaßen erträglich werden dadurch auch die zahllosen Klischees der erotisierten weiblichen Körper, die im Blick ihrer männlichen Betrachter ein ums andere Mal aufscheinen wie Kerzen auf einer Geburtstagstorte.
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