Deutschlandfilme. Filmdenken & Gewalt. Godard Hitchcock Pasolini
03.02.2004, 15:53, Text:
Ulrich Kriest,
Ulrich Kriest
(Stroemfeld / Roter Stern, 296 S., € 24)
»Ich will ein Bild aus diesem Film erzählen«, heißt
es ziemlich zu Beginn des neuesten Buches von Klaus
Theweleit. Ganz auf der Höhe der Zeit beginnt es mit
einem Bild vom Luftkrieg, einem Bild aus Hitchcocks
›Die Vögel‹, dessen Qualität Kino pur ist. Ein »mentales
Bild« (Deleuze) vom Krieg, produziert als Mischung
aus Malerei, Inszenierung, Dokumentarischem und
Animation. Monate Arbeit für ein paar Sekunden Film,
die anders, realistisch, nicht zu haben waren, die, wie
so vieles, mit den Augen nicht zu sehen waren. Fast
300 Seiten lang ist Theweleits assoziative Passage
durch Filme von Hitchcock, Godard und Pasolini, die
auf die eine oder andere Weise Deutschland
produzieren und auf die Leinwand projizieren.
Wer
ältere Texte Theweleits zum Film kennt, wird einige
Déjà-vu-Erlebnisse haben; zwei, drei Bruchstücke
(etwa: die Reflexion über die Dusche als »Ding des 20.
Jahrhunderts«) fügen sich zudem nicht recht in den
Gedankenfluss. Zwei Drittel des Buches füllt das
Nachdenken über Pasolinis ›Salò Oder Die 120 Tage
Von Sodom‹, das zu bestimmen versucht, ob man
einem Film, der posthum in die Kinos kam, ansehen
kann, dass es »ohnehin« der letzte Film seines
Regisseurs sein sollte. So aufschlussreich die hier
versammelten Texte sind, das Herz dieser Sammlung
ist die einem Nachruf auf die Filmkritikerin Frida Grafe
eingelagerte Poetik eines anderen Schreibens über
Film: »kein Endurteil, Kategorisierungen nur nebenbei,
immer etwas Gesehenes mitteilen, dieses verbindend
mit Gelesenem, mit Gedachtem (...), den neuen Film
verbindend mit dem ständig weiterwachsenden Strom
von Wahrgenommenem im Kopf (...).« Klar spricht
Theweleit hier über sein eigenes Schreibprojekt, klar ist
die inspirierte Freiheit der legendären Filmkritik heute
in der Praxis wohl nicht mehr zu haben. Schließlich
schreibt Theweleit, dass der Musikkritik niemals ein
Pendant zur Filmkritik gelungen sei: »Die Musikautoren
waren begrenzter im Spektrum, eine under current-
Theoriediskussion wie bei den Filmschreibern hätte
man dort nicht gefunden.« Über das, was hier noch
vermisst wird, denkt man heute kaum einmal mehr
nach.
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