Thomas Venker

Ignoranz Und Inszenierung. Schreiben Über Pop

03.02.2004, 15:47, Text: Aram Lintzel, Aram Lintzel
[3 Kommentare]

(Ventil Verlag, 252 S., € 13,90)

Anstatt den einsamen Entdecker zu markieren, klettert Thomas Venker auf die Schultern von Giganten: Lester Bangs und Richard Meltzer, Diedrich Diederichsen und Clara Drechsler nennt er im Vorwort ohne Einflussangst als Initiatoren seines Pop- Schreibens. Doch dieser Autor(ität)en-Turm steht längst auf unsicherem Grund – und obendrauf, wo der Chefredakteur dieser Zeitschrift sein historisierendes Fernglas zückt, ist die Luft verdammt dünn geworden. Etwas scheint verloren gegangen zu sein, der Autor nennt es die »Ignoranz vorm Pop«: Anstatt wie die genannten Heroen Pop-Artefakte mit idiosynkratischen Interpretationen herauszufordern, hätten sich viele Schreiber heute eine untertänige Dienstleistungsmentalität zugelegt.

Im Kapitel ›This Biz Is Not Alright‹ geißelt Venker denn auch die Gängeleien der Journalisten durch die Musikindustrie: Listening-Sessions statt CD-Bemusterung, gemaßregelte 30-Minuten-Interviews statt gemeinsames Besäufnis mit den Musikern etc. Die Musikindustrie will nur verkaufen, der gute »linksästhetische« Kritiker aber will verstehen. Doch Venker lässt sich nicht in die Enge treiben, he will never stop writing this way! Anstatt aber seine Pop-Welt protektionistisch zu beschützen, sucht er – wie Negri/ Hardt wissend, dass es kein Außen mehr gibt – nach Lücken im durchregulierten Empire der Stars & Hypes, nach operativen Spielräumen für einen unabhängigen Pop-Journalismus. In seiner Sammlung aus Intro- Artikeln und -Interviews hat Venker deshalb mehrere metajournalistische Essays über den Notstand des »Schreibens über Pop« eingefügt. Neben der subjektivistischen Anmaßung sieht er den Ausweg vor allem in der Erfindung neuer Formate, etwa in einer alternativen »Popinszenierung des Gesprächs«. Venker gibt sich dabei als ein Aufklärer, der den Leser imaginär über die Schulter gucken lässt. An manchen Stellen wirkt seine Didaktik übertrieben voraussetzungslos, etwa, wenn erklärt wird, was ein Promoter ist. Dazwischen setzt Venker mit dem »Holzhammer« (O-Ton) massiv auf Präskription, ruft ständig seine Kollegen zu journalistischem Ungehorsam im Sinne des alten Fanzine-Ethos’ auf. Aufregendes Material für aufklärenden und aufgeklärten Subjektivismus gebe es schließlich immer noch genug, ob nun bei den Goldenen Zitronen oder Missy Elliott. Sympathisch unverdrossen kämpft Venker gegen die Verkümmerung des Pop-Journalismus’ an – dabei offenbart sich jedoch ein symptomatischer Widerspruch: Das Buch illustriert das selbstreflexive, skeptische Stadium des Pop-Journalismus’, fordert zugleich aber eine unbefangene Emphase zurück. Das »Hey super!« und der Zweifel: Beides zugleich ist wohl nur mit äußerster dialektischer Anstrengung zu haben.



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aus Intro #113 (Februar 2004)
 
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  • User: aljoscha
  • aljoscha 14.02.2004 | 16:56:08

    Ignoranz ist doch in diesem Buch vielmehr als bloßes Synonym von Inszenierung zu verstehen. Ich, der Autor, inszeniere mich in meinem Text, genau so wie der Popstar sich in seiner Kunst inszeniert. Der Autor sei mindestens genauso wichtig wie der Musiker, schreibt Thomas Venker folgerichtig im Vorwort. Ignoranz vorm Pop entsteht doch automatisch, wenn man die ganze Zeit auf seine eigene Nase schielt. Bin mir nicht sicher, ob ich hier argumentatorisch mitgehen kann...

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