Ingo Niermann (Hrsg.)

Minusvisionen. Unternehmer Ohne Geld – Protokolle

03.02.2004, 15:44, Text: linus volkmann, linus volkmann

(Edition Suhrkamp, 300 S., € 12)

Minusvisionen? Klingt wie die akademischere Version des großen Neue-Armut-Slogans »Geiz ist geil«. Will denn niemand mehr über Opulenz schreiben? Doch. Niermann will das mit diesem Buch. Er kommt bloß durch die Hintertür. Der Untertitel indes verweist noch mal auf den Regress: ›Unternehmer Ohne Geld – Protokolle‹. Über ein Dutzend Geschichten ließ er sich erzählen. Geschichten von unterschiedlichsten, Ideen-sprühenden Charakteren, die unter dem linksideologisch verhassten Begriff des Unternehmers natürlich nur ungenügend zusammengefasst sein können. Aber dennoch befinden sich unter den Vorgestellten ausnahmslos keine sozialen oder idealistischen Akteure, und all die dokumentierte Schaffenskraft sah nur dem Zweck der eigenen (künstlerischen) Entfaltung oder ganz smart der Beteiligung an Ausschüttungen großer Gelder entgegen.

Also ist der Begriff Unternehmer schon okay. Und so erzählt u. a. Jens Thiel, wie er Autos verschob und zu Zeiten der Wende mit Ost-Geld Geschäfte machte. Andreas Klöckner eröffnete ein Hipster- Restaurant in Mitte und musste irgendwann bei Nacht und Nebel das Mobiliar rausräumen, um es vor Gläubigern zu schützen. Armin von Milch erzählt – nicht ganz unbitter –, wie der Universal-Konzern seine sauteuer von Harold Faltermeyer produzierte Platte ›Social-Park‹ über lange Jahre im Giftschrank wegschloss und er aufgrund der Verträge keine Handhabe dagegen besaß. Und ohnmächtig wie auch getrieben dabei zusah, wie der hyperfortschrittliche Sound der Platte immer betagter wurde, ohne je im Rennen gewesen zu sein. Verziehen hat Armin (obwohl ›Social-Park‹ auf einem Indie dann irgendwann doch erschien) dem Major, der seines Erachtens damals Andreas Dorau vor Konkurrenz aus eigenem Hause schützen wollte, nicht. So dokumentieren Niermanns Mini-Biografien ein ums andere Mal auch das Scheitern eines kühnen Projekts. Alles jenseits von Business-Plänen und BWL- Background. Ohne aber, dass man im Glauben zurückbleibt, nur über Loser gelesen zu haben. Im Gegenteil, durchweg alle haben viel erreicht, durchlebt, zahlen noch tapfer an Schulden oder trauen sich was Neues zu. Frauen werden dabei wie Nicht-Berliner etwas kurz gehalten. Drei Unternehmerinnen kommen zu Wort. ›Minusvisionen‹ ist bei all dem »Freie Bahn dem Tüchtigen«-Impetus kein sozialdemokratisches Unterfüttern von Ich-AGs – dafür bleiben zu viele Schulden, Geprellte und Straftaten zurück. Es sind eher der Reiz an dem unverrückbaren Wollen, die Opulenz an kreativer Energie und die Absage an Sparsamkeit und sparkassige Erdung, die den Mehrwert ausmachen. Wobei die letztendliche Faszination des vorgestellten Typus’ Kreativ-Kapitalist jeder mit sich selbst ausmachen muss. Unumstößlich geil dagegen die Lebensbeichte von SZ-Autor Ingo »Romeo« Mocek und seinen Tagen als Stricher. Wer hätte das auch nur geahnt?



Artikel kommentieren
aus Intro #113 (Februar 2004)
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]